Mehr Kariesprävention vom ersten Zahn an


Mittwoch, 30.01.2019

Etwa jedes siebte dreijährige Kind hat Karies. Das soll sich ändern: Zahnärztliche Früherkennungsuntersuchungen für Kinder ab einem Alter von sechs Monaten sind längst beschlossene Sache und ab 1. Juli 2019 wohl auch Kassenleistung. Nun braucht es ein modernes Präventionskonzept für die Jüngsten.

Bereits im Jahr 2015 wurde das Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention, kurz Präventionsgesetz (PrävG), verabschiedet. Mit dem Gesetz werden die Früherkennungsuntersuchungen in allen Altersstufen weiterentwickelt und auch die Präventionslücke bei Kindern unter 2,5 Jahren wird geschlossen. Die Verhandlungen zu den neuen zahnärztlichen Früherkennungsuntersuchungen im Gemeinsamen Bundesausschuss wurden im Januar 2019 abgeschlossen. Mit der Festlegung der Vergütung im Bewertungsausschuss werden die Früherkennungsuntersuchungen jetzt auch Kassenleistung.

Die Neufassung der Kinderrichtlinie (Gelbes U-Heft/Kinderuntersuchungsheft), in Kraft getreten am 1. September 2016, enthält sechs rechtsverbindliche Verweise auf zahnärztliche Vorsorgeuntersuchungen bei Kindern vom 6. bis zum 64. Lebensmonat. Damit werden künftig mehr Kleinkinder in die zahnärztliche Praxis kommen, für die hier ein modernes Präventionskonzept vorgestellt wird. Dies ist auch dringend nötig. Laut einer aktuellen Studie in Deutschland liegt bei ungefähr jedem siebten Kleinkind im Alter von drei Jahren eine Karies auf Defektniveau vor (1) – im Schnitt sind bereits 3,6 Zähne betroffen, die im Wesentlichen nicht saniert sind.

Frühkindliche Karies

Hauptursache von frühkindlicher Karies (Early Childhood Caries, ECC, Abb. 1) ist eine mangelhafte Zahnpflege kombiniert mit einem hochfrequenten Konsum zuckerhaltiger Getränke zwischendurch und/oder nachts. Dies bedeutet, dass die Eltern die Zähne ihres Kindes meist nicht (nach-)putzen. Die Kleinkinder erhalten in der Regel mehrmals täglich die Nuckelflasche beispielsweise mit Apfelschorle, Eistee oder speziellen zuckerhaltigen „Kindertees“ zur freien Verfügung. Weiterhin erhöht hochfrequentes Langzeitstillen weit über den 12. Lebensmonat des Kindes hinaus das Kariesrisiko.

Damit die zahnärztliche Prävention beim Milchgebiss erfolgreich ist, sollte sie evidenzbasiert sein. Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung und die Bundeszahnärztekammer haben einen Ratgeber „Zahnmedizinische Prävention der frühkindlichen Karies“ (Abb. 2) entwickelt, der kostenfrei online abrufbar ist (2): www.bzaek.de/fileadmin/PDFs/b16/ecc-ratgeber.pdf.

Abb. 1: Anzeichen von frühkindlicher Karies (ECC) wie Plaque, Gingivitis, beginnende kariöse Initialläsionen und kleinere kariöse Defekte sollten beim Kleinkind erkannt werden, damit sich nicht schwere Formen der ECC entwickeln.

Abb. 2: Praktischer Ratgeber der KZBV und BZÄK zur Prävention von frühkindlicher Karies

Wie geht Kariesprävention beim Kleinkind?

In einer kurzen Anamnese lässt sich das zahnmedizinisch relevante Gesundheitsverhalten erfragen und gegebenenfalls im Zahnärztlichen Kinderpass dokumentieren. Erfasst werden die Fluoridnutzung, vor allem über fluoridierte Kinderzahnpaste, Putzgewohnheiten und Ernährungsgewohnheiten (Nuckelflasche) inklusive Stillen.

In der frühen Phase der Gebissentwicklung ist erwartungsgemäß wenig manifeste Karies diagnostizierbar, aber es sollten die Vorstufen wie beginnende kariöse Initialläsionen, Plaque und  Gingivitis erkannt und kontrolliert werden. Mithilfe einer Plaqueanfärbelösung lässt sich dentale Plaque gut visualisieren (Abb. 3).

Abb. 3: Bei der Prävention von frühkindlicher Karies erleichtert die Anfärbung die Visualisierung von Plaque, das Einüben der Zahnputztechnik sowie deren Erfolgskontrolle.

Zentraler Punkt der Prävention ist zudem das Training der häuslichen Mundhygiene ab Durchbruch des ersten Zahns. Die Eltern sollten in der zahnärztlichen Praxis das Zähneputzen bei ihrem Kind erlernen: Das Kind sollte liegen und die Eltern bürsten mit fluoridhaltiger Kinderzahnpaste die Zähne des Kindes nach der KAI-Systematik (Kau-, Außen-, Innenflächen). Dabei hilft die sogenannte „lift the lip“-Technik, den Saugreflex zu kompensieren (Abb. 4).

Kariöse Initialläsionen sollten einschließlich der Kariesprädilektionsstellen mit Fluoridlack touchiert werden.

Abb. 4: Das praktische Zahnputztraining der Eltern an Zähnen eines Kleinkindes muss in der Praxis erfolgen. Durch Anheben bzw. Abhalten der Lippe sind die Zähne gut zugänglich.

Abgerechnet werden diese Leistungen vorerst noch als Beratung (Ä1) oder Untersuchung (01) und ab dem 30. Lebensmonat als Früherkennungsuntersuchungen (FU) und Fluoridierung (IP4), ab Ende 2019 hoffentlich auch als frühe FUs vom ersten Zahn an.

Prof. Dr. Christian. H. Splieth, Universitätsmedizin Greifswald

 

Literatur

  1. TEAM DAJ (R. Basner, Dr. R. M. Santamaría, Dr. J. Schmoeckel, Dr. E. Schüler, Prof. Dr. Ch. H. Splieth): Epidemiologische Begleituntersuchungen zur Gruppenprophylaxe. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege e.V. (DAJ). Gutachten, Bonn 2017
  2. BZÄK/KZBV (Bundeszahnärztekammer/Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung): Beck J, Eßer W, Gösling J, Husemann J, Kesler H, Oesterreich D, Santamaria Sanchez R, Schmoeckel J, Splieth C, Stein H, Ziller S. Praktischer Ratgeber für die zahnärztliche Praxis - Frühkindliche Karies vermeiden. Deutschland. Berlin, Mai 2016; online verfügbar unter: bzaek.de/fileadmin/PDFs/b16/ecc-ratgeber.pdf