Zähneputzen lernen: Besser durch Unterschiede statt durch Wiederholung?


Mittwoch, 19.12.2018

Üblicherweise lernen Kinder das Zähneputzen durch wiederholendes Üben, wobei eine ideale Zahnputztechnik und -systematik angestrebt wird. Da die feinmotorischen Fertigkeiten von Kindern jedoch häufig noch nicht gut ausgeprägt sind, wird zumeist empfohlen, dass Eltern die Zähne der Kinder bis zum Schulalter nachputzen. Differenzielles Lernen des Zähneputzens führt zu einer besseren Mundhygiene, wie eine neue Studie zeigt.

Im Gegensatz zum klassischen Bewegungslernen, welches auf Wiederholung und Fehlerkorrektur beruht, versteht sich das differenzielle Lernen als bewegungswissenschaftlicher Lernansatz. Dabei werden statt Wiederholungen gezielt Unterschiede und Variationen in die Bewegungsausführung eingebaut (1). Dadurch soll eine zentralnervöse Selbstorganisation beim Lernenden initiiert werden, die zu einem individuell optimierten und stabilen Bewegungsmuster führt (2). Verschiedene Studien konnten zeigen, dass das differenzielle Lernen im Sporttraining zu besseren Ergebnissen führt als das traditionelle methodische Training (3–6). Beim Torschusstraining im Fussball wird das differenzielle Lernen beispielsweise eingesetzt, indem Anlauf, Bewegungen des Spiel- oder Standbeins, Körperhaltung oder verschiedene Ballsituationen (ruhender Ball, Ball in Bewegung) sowie Zusatzaufgaben (z. B. Blinzeln, ein Auge schließen) variieren (7).

Eine klinische Studie an der Universität Göttingen ging nun der Frage nach, ob sich das differenzielle Lernen auch fürs Zähneputzenlernen eignet. Dazu wurde der Einfluss eines Zahnputztrainings mit Anwendung des differenziellen Lernansatzes auf die Plaque- und Gingivitisreduktion bei Grundschulkindern untersucht und mit der Methode der konventionellen Instruktion/Demonstration einer Zahnputztechnik sowie dem habituellen Zähneputzen verglichen.

Sechs- bis neunjährige Kinder nahmen an einem 15-tägigen Zahnputztraining teil und wurden in drei Gruppen eingeteilt:

  1. Habituelles Zähneputzen (Kontrolle)
  2. Instruktion/Demonstration einer Zahnputzsystematik und -technik
  3. Differenzielles Lernen des Zähneputzens

Das Zähneputzen mit differenziellem Lernansatz bestand aus 15 verschiedenen Bewegungsaufgaben (1 pro Tag, z. B. Zähneputzen mit nicht-dominanter Hand, mit Torwarthandschuhen, mit geschlossenen Augen, mit verändertem Griff der Zahnbürste oder mit Gewichtsmanschette). Das Zähneputzen nach konventioneller Instruktion/Demonstration erfolgte mit methodischen Übungsreihen und Wiederholungen. Plaque- und Papillen-Blutungs-Indizes wurden vor Beginn sowie 21, 42 und 63 Tage nach Beginn des Zahnputztrainings aufgenommen.

Die Ergebnisse zeigten, dass das differenzielle Lernen die Plaque- und Papillen-Blutungs-Indizes zu allen Zeitpunkten im Vergleich zur Instruktion/Demonstration der Zahnputztechnik und zum habituellen Zähneputzen signifikant stärker reduzierte. Kurzfristig verbesserte sich auch in der Kontrollgruppe und bei Kindern, die durch Instruktion/Demonstration unterrichtet wurden, die Mundhygiene. Allerdings führte nur die Anwendung des differenziellen Lernansatzes im gesamten Untersuchungszeitraum zu einer signifikant verbesserten Mundhygiene.

Weitere Studien müssen nun zeigen, ob sich das differenzielle Lernen auch für Kinder mit sehr schlechter Mundhygiene oder Kinder in anderen Altersgruppen eignet. Differenzielles Lernen könnte in gruppenprophylaktischen Übungen sowie gegegebenfalls auch im häuslichen Bereich eingesetzt werden, da viele Variationen sehr einfach und ohne Materialaufwand umsetzbar sind.

Prof. Dr. Annette Wiegand, Universitätsmedizin Göttingen

Quelle:

Pabel SO, Freitag F, Hrasky V, Zapf A, Wiegand A (2018) Randomised controlled trial on differential learning of toothbrushing in 6- to 9-year-old children. Clin Oral Investig 22: 2219-2228

Literatur:

  1. Schöllhorn WI, Hegen P, Davids K (2012) The nonlinear nature of learning - a differential learning approach. Open Sports Sci J 5:100-112
  2. Frank TD, Michelbrink M, Beckmann H, Schöllhorn WI (2008) A quantitative dynamical systems approach to differential learning: self-organization principle and order parameter equations. Biological Cybernetics 98:19-31
  3. Savelsbergh GJP, Kamper WJ, Rabius J, de Koning JJ, Schöllhorn WI (2010) A new method to learn to start in speed skating: a differential learning approach. Int J Sport Psychol 41:415-427
  4. Wagner H, Müller E (2008) The effects of differential and variable training on the quality parameters of a handball throw. Sports Biomech 7:54-71
  5. Beckmann H, Winkel C, Schöllhorn WI (2010) Optimal range of variation in hockey technique training. Int J Sport Psychol 41:5-45
  6. Beckmann H, Schöllhorn WI (2006) Differenzielles Lernen im Kugelstoßen. Leistungssport 36:44-50
  7. Hegen P, Schöllhorn W (2012) Lernen an Unterschieden und nicht durch Wiederholung. Fussballtraining 3:30-37