Das Trauerspiel im kleinen Mund: Karies im frühen Kindesalter


Freitag, 17.08.2018

Trotz der Präventionserfolge in den vergangenen Jahren stellt die frühkindliche Karies nach wie vor eine Herausforderung und nicht gelöste Problematik für die Kinderzahnheilkunde dar. Der größte Risikofaktor ist der exzessive Gebrauch der Nuckelflasche mit erosiven Getränken vor allem nachts.

Frühkindliche Karies (Early Childhood Caries, ECC) gilt als häufigste chronische Erkrankung im Kleinkind- und Vorschulalter. Kennzeichnend ist eine Glattflächenkaries mit schnell fortschreitenden Läsionen, die schon kurz nach Durchbruch der ersten Milchzähne beginnt (1). In einem kürzlich veröffentlichten Review berichten die Autoren von einer Prävalenz der ECC zwischen 1 und 12 Prozent in den Industrienationen und von ca. 70 Prozent in den Entwicklungsländern und bei benachteiligten Bevölkerungsgruppen entwickelter Länder (2). In Deutschland sind 13,7 Prozent der 3-Jährigen in Kitas bereits von Karies betroffen (3).

Ursachen

Wie jede andere Kariesform ist auch die frühkindliche Karies multifaktoriell bedingt und die Folge aus einem zeitlich bestimmten Zusammenspiel von kariogenen Mikroorganismen mit vergärbaren Kohlenhydraten auf der kariesanfälligen Zahnoberfläche (4). Bei der Entstehung der ECC spielen die Eltern eine Schlüsselrolle, da sie sowohl die frühkindliche Ernährung als auch den Einfluss potenzieller Risikofaktoren und somit die Zahngesundheit ihrer Kinder entscheidend mitbestimmen. Hinzu kommt, dass die Milchzähne mikrostrukturelle Besonderheiten aufweisen: Der Schmelz und das Dentin der Milchzähne sind dünner und geringer mineralisiert als die Zahnhartsubstanzen der bleibenden Dentition. Dementsprechend kann eine Zerstörung hier viel schneller voranschreiten. Als Hauptrisikofaktor ist der exzessive Gebrauch der Nuckelflasche mit kariogenen/erosiven Getränken insbesondere nachts identifiziert worden.

Klinisches Bild

Zu Beginn erkranken die Glattflächen der oberen Inzisiven (Abb. 1), die bei jeder anderen Kariesform erst relativ spät in den kariösen Prozess einbezogen werden. Erste Veränderungen sind oft schon am Ende des ersten Lebensjahres zu beobachten, und entsprechend ihrer Durchbruchsfolge werden im 2. und 3. Lebensjahr auch die Molaren und Eckzähne involviert. Insofern ist die frühkindliche Karies als eine äußerst aggressive Form zu werten (5).

Abb. 1: Ausgeprägte frühkindliche Karies aufgrund des exzessiven Genusses von Säften in der Flasche.

Folgen

Die Folgen der ECC sind vielfältig. Bleiben kariöse Milchzähne unversorgt, können neben akuten und chronischen Schmerzen Fisteln oder Abszesse auftreten, die zum vorzeitigen Milchzahnverlust mit allen negativen Folgen für die spätere Gebissentwicklung führen (6).

Präventionsstrategien und Prophylaxe der frühkindlichen Karies

Grundsätzlich besteht die Möglichkeit, Karies zu verhindern. Die klassischen Säulen der Kariesprophylaxe sind dabei im Wesentlichen:

  • ein effizientes Biofilmmanagement,
  • die Vermeidung kariogener Noxen und
  • die Anwendung von Fluoriden zur Erhöhung der Säureresistenz der Zähne.

Aktuelle evidenzbasierte Leitlinien zur Kariesvorbeugung empfehlen den ersten Zahnarztbesuch des Kindes bereits im 1. Lebensjahr (7). Hier sollten die Eltern bereits genau über diese Eckpfeiler sowie die Übertragungswege kariespathogener Keime von den Eltern zum Kind aufgeklärt werden. Das Kind sollte dann in der Regel zweimal jährlich dem Zahnarzt vorgestellt werden. Zahnschäden können so bereits im Frühstadium erkannt und behandelt werden (8).

Gesetzliche Bestimmungen und Neuerungen

Deutschland verfügt über ein gutes System der Bevölkerungs-, Individual-, Gruppen- und Intensivprophylaxe für Kinder und Jugendliche, aber die zahnmedizinischen Präventionsleistungen der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) setzen erst ab dem 30. Lebensmonat ein. Für jüngere Kinder fehlte bis dato eine vertragszahnärztliche Leistung für die Prävention. Im Rahmen der Überarbeitung der Kinderrichtlinie, die die Verfahren beim Kinderuntersuchungsheft (U-Heft) enthält, konnten erstmalig sechs rechtsverbindliche Verweise vom Kinderarzt zum Zahnarzt für Kinder vom 6. bis zum 64. Lebensmonat etabliert werden. Diese sind seit dem 1. Juli 2016 gültig.

Prof. Dr. Katrin Bekes, Medizinische Universität Wien

Literatur

  1. Benjamin RM: Oral health: the silent epidemic. Public Health Rep 125: 158-159 (2010).
  2. Anil S, Anand PS: Early Childhood Caries: Prevalence, Risk Factors, and Prevention. Front Pediatr 5: 157 (2017).
  3. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege: Epidemiologischen Begleituntersuchungen zur Gruppenprophylaxe 2016. Bonn (2018).
  4. Tinanoff N: Introduction to the Early Childhood Caries Conference: initial description and current understanding. Community Dent Oral Epidemiol 26: 5-7 (1998).
  5. Borutta A, Wagner M, Kneist S: Bedingungsgefüge der frühkindlichen Karies Oralprophylaxe & Kinderzahnheilkunde 32: 58-63 (2010).
  6. Grund K, Goddon I, Schuler IM, Lehmann T, Heinrich-Weltzien R: Clinical consequences of untreated dental caries in German 5- and 8-year-olds. BMC Oral Health 15: 140 (2015).
  7. European Academy of Paediatric Dentistry (EAPD): Guidelines on Prevention of Early Childhood Caries: An EAPD Policy Document. (2008).
  8. Heinrich-Weltzien R: Frühkindliche Karies - Ein kinderzahnärztliches Problem. Kinder- und Jugendmedizin 8: 494-498 (2008).