Wenn Kinderzähne bröseln: rätselhafte Zahnkrankheit MIH


Freitag, 01.09.2017

Verfärbte und porös wirkende, bröselnde Molaren, eine starke Überempfindlichkeit der betroffenen Zähne und sich wiederholende Füllungsverluste – dieses besondere Phänomen der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation, kurz MIH,  beschäftigt seit einigen Jahren die Kinderzahnheilkunde. Was genau bedeutet MIH und wie lässt sich diese Erkrankung behandeln?

Die MIH wird als eine systemisch bedingte Hypomineralisation von ein bis vier bleibenden ersten Molaren (Abb. 1) mit oder ohne Beteiligung der Inzisiven (Abb. 2) definiert (1). Betroffene Zähne zeigen dabei gelblich-weiße bis braune Verfärbungen, die nur einzelne Bereiche des Zahnes oder den ganzen Zahn betreffen können. Je größer und dunkler die verfärbten Stellen sind, desto weicher ist der Schmelz und desto eher neigen die Zähne dazu, sehr schnell zu zerbröckeln und schließlich zu zerbröseln – unabhängig davon, ob sie gut geputzt werden. Weiterhin können die Zähne auch sehr empfindlich auf Temperatur oder Berührung reagieren. Dies kann beim Zähneputzen bzw. beim Essen und Trinken heißer oder kalter Nahrungsmittel und Getränke zu heftigen Schmerzen führen.

Abb. 1: Patientin mit MIH am oberen ersten Molaren.

Abb. 2: Patient mit MIH unter Beteiligung der  beiden Oberkiefer-Inzisiven

Wie sieht die MIH klinisch aus?

Klinisch können Hypomineralisationen an den Molaren in drei Schweregrade von 1 (leicht) bis 3 (schwer) eingeteilt werden (2). Molaren mit Schweregrad 1 sind durch einzelne weiß-cremige abgegrenzte Opazitäten im Bereich der Kaufläche und/oder der Höcker bzw. des oberen Kronendrittels ohne Substanzverlust gekennzeichnet. Bei Schweregrad 2 erfassen die Opazitäten dann fast alle Höcker und das obere Kronendrittel bei geringem Substanzverlust. Schweregrad 3 umfasst Zähne, die durch großflächige, gelb-braune Verfärbungen mit Defekten der Kronenmorphologie aufgrund ausgeprägter Schmelzverluste charakterisiert sind. Alle diese Schweregrade können mit oder ohne Beteiligung der Schneidezähne auftreten. Mittlerweile sind vereinzelt als MIH beschriebene Defekte auch an anderen Zähnen der bleibenden Dentition (7er, 5er, 3er) beobachtet worden  und auch an den zweiten Milchmolaren und den Milcheckzähnen finden sich nun vermehrt Hypomineralisationen.

Wie häufig tritt die MIH auf?

Das Krankheitsbild tritt bei Kindern weltweit auf, wobei die Angaben in der Literatur zur Prävalenz schwanken (3). Etwa 10 bis 15 Prozent der Kinder sind nach bisherigen Studien davon betroffen. In der kürzlich publizierten Fünften deutschen Mundgesundheitsstudie zeigte sich bei 12-jährigen Kindern sogar eine Prävalenz von 28,7 Prozent für das Auftreten von begrenzten Opazitäten (4).

Was sind die Ursachen?

Die Ätiologie der MIH konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden (5, 6). Es werden verschiedene Risikofaktoren als systemisch wirkende Noxen in der peri- und postnatalen Phase sowie in den ersten Lebensjahren eines Kindes diskutiert. Als mögliche Ursachen gelten insbesondere chronische Erkrankungen der Atemwege des Kindes, Antibiotikaeinnahmen sowie Umwelttoxine, vor allem Kunststoffbestandteile in Form des Bisphenol A.

Wie kann die MIH therapiert werden?

Eine professionelle zahnärztliche Betreuung der Kinder mit dieser Erkrankung ist unerlässlich. Nach erfolgreicher Diagnose wird die individuelle Therapie vorausschauend geplant. Diese ist abhängig vom Ausprägungsgrad (7). Im Rahmen eines Intensivprophylaxe-Programms können dem betroffenen Patienten folgenden Maßnahmen empfohlen werden: regelmäßige Zahnreinigungen und Mundhygieneanleitungen, die Applikation von Fluorid-Präparaten sowie die bei starker Überempfindlichkeit der Molaren notwendige Desensibilisierung mit einem Dentinadhäsiv oder einem Versiegler und Fissurenversieglungen. Bei stärkerer Ausprägung der MIH mit Substanzverlusten oder bei kariöser Zerstörung werden die betroffenen Zähne in Abhängigkeit vom Schweregrad und dem Durchbruchzustand des Zahnes mit einer Füllung, einer konfektionierten Krone oder einer laborgefertigten Restauration versorgt. In sehr schweren MIH-Fällen kann nach Absprache mit einem Kieferorthopäden auch die Entfernung des betroffenen Zahnes mit anschließendem kieferorthopädischen Lückenschluss sinnvoll sein.

Prof. Dr. Katrin Bekes, Medizinische Universität Wien

Literatur

  1. Weerheijm KL, Jalevik B, Alaluusua S: Molar-incisor hypomineralisation. Caries Res 2001; 35: 390-391 (2001).
  2. Wetzel WE, Reckel U: Fehlstrukturierte Sechsjahrmolaren nehmen zu – eine Umfrage. Zahnärztl Mitt 1991: 81: 650-651.
  3. Zhao D, Dong B, Yu D, Ren Q, Sun Y: The prevalence of molar incisor hypomineralization: evidence from 70 studies. Int J Paediatr Dent. 2017 Jul 21. [Epub ahead of print]
  4. Jordan R, Micheelis W: Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS V). Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung; Bundeszahnärztekammer, 2016.
  5. Silva MJ, Scurrah KJ, Craig JM, Manton D, Kilpatrick N.Etiology of molar incisor hypomineralization - A systematic review. Community Dent Oral Epidemiol. 2016; 44: 342-53.
  6. Taylor GD: Molar incisor hypomineralisation. Evid Based Dent. 2017 Mar;18(1):15-16.
  7. Jalevik B, Klingberg GA: Dental treatment, dental fear and behaviour management problems in children with severe enamel hypomineralization of their permanent first molars. Int J Paediatr Dent 2002; 12: 24-32.