Zahnerhalt im Alter – Parallelen zur Kinderzahnheilkunde


Dienstag, 04.07.2017

Die demografische Entwicklung und der Trend zu längerem Zahnerhalt bis ins hohe Alter erhöhen den Bedarf an präventiven und zahnerhaltenden Maßnahmen bei älteren und hilfebedürftigen Menschen. Was kann die Alterszahnheilkunde von den Konzepten der Kinderzahnheilkunde lernen?

Die Gesellschaft in Deutschland und Mitteleuropa altert. Dies liegt einerseits an nach wie vor geringen Geburtenraten – es gibt also relativ betrachtet immer mehr ältere als junge Menschen. Andererseits erreichen immer mehr Menschen ein immer höheres Alter. Nach Schätzungen des Statistische Bundesamts steigt der Anteil der Menschen über 65 Jahre an der Bevölkerung von derzeit 20 Prozent auf etwa 33 Prozent im Jahr 2060 (1).

Neben diesen demografischen Entwicklungen sehen wir auch deutliche epidemiologische Trends. Durch die Erfolge der Zahnerhaltung und Präventivzahnmedizin behalten immer mehr Patienten ihre eigenen Zähne bis in ein hohes Alter (2). Während bei Kindern und Jugendlichen die Zahl der kariösen Zähne in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich sank, wird heute bei älteren Patienten vermehrt Wurzelkaries beobachtet. Auch wenn Präventionsmaßnahmen zu einem Kariesrückgang bei älteren Patienten führen, so wird dieser positive Effekt durch den vermehrten Zahnerhalt und somit mehr Zahnflächen unter Risiko zumindest teilweise kompensiert.

Die wachsende Gruppe der Älteren und Hochbetagten stellt die Zahnärzte schon heute vor Herausforderungen. So leiden ältere Personen häufiger als junge an Parodontalerkrankungen und freiliegenden Zahnhälsen. Dies führt nicht nur zu einer erschwerten Zahnreinigung, sondern begünstigt auch die Entstehung von Wurzelkaries (Abb. 1) (3). Verstärkt wird dies durch einige andere Faktoren, die bei älteren Patienten das Kariesrisiko erhöhen: etwa reduzierter Speichelfluss, eine eingeschränkte Mundhygienefähigkeit und eine verstärkt kariogene Ernährung.

Abb. 1: Wurzelkaries bei einem älteren Patienten

Auch leiden ältere Personen häufiger an mehreren Erkrankungen gleichzeitig. Diese Komorbidität ist häufig mit Polypharmazie verbunden, also der gleichzeitigen Einnahme mehrerer (per definitionem mehr als fünf) Medikamente (4). Komorbidität und Polypharmazie wirken sich auch auf die orale Gesundheit aus. So werden parodontale Erkrankungen durch Grunderkrankungen wie Diabetes getriggert und eine Vielzahl von Medikamenten reduziert den Speichelfluss und erhöht somit potenziell die (Wurzel-)Kariesanfälligkeit (5).

Programme für hilfebedürftige Menschen ausbauen

Je nach Alter und Gesundheitszustand nimmt mit steigenden Alter oft die Gebrechlichkeit und Hilfebedürftigkeit zu und damit die Nutzung zahnärztlicher Vorsorgemaßnahmen ab (6). Hilfebedürftige Menschen kommen seltener in die zahnärztliche Praxis. Programme, die es ermöglichen, die zahnärztliche Versorgung zu den Betroffenen zu bringen, müssen noch weiter ausgebaut werden. Hier können auch Angehörigen und das Pflegepersonal einen Teil der Prävention übernehmen, denn gerade hilfe- und pflegebedürftige Menschen sind zumeist auf Unterstützung bei der täglichen Mundhygiene angewiesen.

Die präventiven Erfolge der Kinder- und Jugendzahnheilkunde zeigen, dass Präventions-  und Therapiekonzepte, die speziell auf die Zielgruppe zugeschnitten sind, die orale Gesundheit in der Zielgruppe deutlich verbessern. Ähnlich wie in der Kinder- und Jugendzahnheilkunde sollten daher in der Alterszahnheilkunde auf ältere Menschen zugeschnittene Präventionsprogramme etabliert werden (7). Ähnlich wie in der Kinderzahnheilkunde sollte hierbei ein Fokus auf präventiven Maßnahmen wie lokaler Fluoridierung und Unterstützung bei der täglichen Mundhygiene liegen. In der Kinderzahnmedizin ist das tägliche gemeinsame Zähneputzen heute eine Selbstverständlichkeit – nun sind Zahnmediziner, Pflegeberufe und Politik gefragt, auch in Altersheimen, Pflegediensten und Praxen ein entsprechendes Bewusstsein für die dentalen Bedürfnisse von Senioren zu schaffen und eine abgestimmte zahnmedizinische Betreuung der Pflegebedürftigen zu etablieren.

Auch bei der zahnärztlichen Versorgung älterer und hilfebedürftiger Patienten in der zahnärztlichen Praxis gibt es viele Parallelen zur Kinderzahnheilkunde. So sind aufgrund eingeschränkter Kooperationsfähigkeit oftmals pragmatische Ansätze und therapeutische Kompromisse gefragt. Auch müssen Qualitätskriterien wie Ästhetik und Langlebigkeit anders gewichtet werden. Die Alterszahnheilkunde kann von den etablierten Behandlungsverfahren der Kinderzahnheilkunde lernen.

Literatur

  1. Statistisches_Bundesamt, Bevölkerung Deutschlands bis 2060. 2015, Wiesbaden: Statistisches_Bundesamt.
  2. Jordan, R. and W. Micheelis, Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie. Vol. V. 2016: Institut der Deutschen Zahnärzte.
  3. Tonetti, M.S., et al., Dental caries and periodontal diseases in the ageing population: call to action to protect and enhance oral health and well-being as an essential component of healthy ageing - Consensus report of group 4 of the joint EFP/ORCA workshop on the boundaries between caries and periodontal diseases. J Clin Periodontol, 2017. 44 Suppl 18: p. S135-S144.
  4. G.B.D.-DALYs-Hale-Collaborators, Global, regional, and national disability-adjusted life-years (DALYs) for 315 diseases and injuries and healthy life expectancy (HALE), 1990-2015: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2015. Lancet, 2016. 388(10053): p. 1603-1658.
  5. Thomson, W.M., et al., Is medication a risk factor for dental caries among older people? Community Dent Oral Epidemiol, 2002. 30(3): p. 224-32.
  6. Niesten, D., K. van Mourik, and W. van der Sanden, The impact of frailty on oral care behavior of older people: a qualitative study. BMC Oral Health, 2013. 13: p. 61.
  7. Jablonski, R.A., et al., The role of biobehavioral, environmental, and social forces on oral health disparities in frail and functionally dependent nursing home elders. Biol Res Nurs, 2005. 7(1): p. 75-82.

Prof. Dr. Sebastian Paris, Charité Berlin