„Fluorid macht dumm“ – von der fragwürdigen Übersichtsarbeit zum Patientenschocker


Mittwoch, 25.01.2017

Das Jahr 2016 war sehr ertragreich, was die verfälschende Interpretation von Publikationen zur Kariesprävention bei ihrem Gang durch die Yellow Press und Internetforen anbelangt. Besonders die Fluoridanwendung hatte sich in der „Stillen Post“ verfangen.  

„Stille Post“ ist eigentlich ein Kinderspiel, bei dem ein Begriff durch Flüstern von Kind zu Kind wandert. Am Ende kommt – meist mit einem Lachen quittiert – ein ganz anderes Wort als das ursprünglich in die Runde gegebene heraus. Der Begriff „Stille Post“ wird aber auch sinnbildlich für die Verfälschung von Nachrichten durch die mehrfache informelle Weitergabe verwendet (11). Davor sind auch wissenschaftliche Publikationen nicht sicher. In besonderem Maße scheint dies für Literaturübersichten zu gelten, vor allem wenn es um Themen geht, die jeden Menschen berühren. Die Präventive Zahnheilkunde bietet viele solcher Themen.

„Fluorid macht dumm“: Auf diese Aussage kann das verkürzt werden, was Publikumsmedien in den vergangenen Monaten veröffentlicht haben. Wie kommt es zu dieser Suggerierung? Zunächst existierten Kenntnisse aus dem Tierversuch. Demnach führen hohe Fluoridkonzentrationen im Trinkwasser von 100–120 ppm NaF (ca. 45–54 ppm Fluorid; Größenordnungen, die der Mensch im Alltag nie aufnimmt) zu Veränderungen der Hirnstruktur (6, 12). Weitere Tierversuche ergaben, dass sich bei dieser extrem hohen Fluoridaufnahme das Verhalten der Tiere verändert (6, 12). Auf Grundlage dieser Studien wurden dann Hinweise gesucht, dass sich die systemische Fluoridgabe auch beim Menschen auf die Hirnleistung auswirkt. Dazu wurde in mehreren Studien die Intelligenz von Kindern, die in Gebieten mit hohem Fluoridgehalt im Trinkwasser aufwachsen, mit der Intelligenz von Kindern aus Kontrollregionen mit niedrigerer Fluoridkonzentration im Trinkwasser verglichen.

Fragwürdige Übersichtsarbeit

Eine Meta-Analyse dieser Studien, auf der wiederum eine Reihe nachfolgender Publikationen beruht, erfasste nach Ausschluss von Doppelveröffentlichungen und methodisch stark unzulänglichen Untersuchungen 27 Publikationen (1). Diese stammen mit Ausnahme von wenigen Arbeiten, die im Iran und der Mongolei durchgeführt wurden, allesamt aus China. Die Autoren der Übersichtsarbeit kommen zu dem Ergebnis, dass die kognitiven Fähigkeiten der Kinder, ausgedrückt als Intelligenzquotient IQ, in den Gebieten mit hohem Fluoridgehalt im Trinkwasser geringer sind als die kognitiven Fähigkeiten der Kinder aus den Kontrollgebieten. Es verwundert nicht, dass diese Botschaft seither in einschlägigen Internetforen kursiert.

Bei der Bewertung dieser Aussage tun sich jedoch mehrere Probleme auf: Zum einen liegen die natürlichen Fluoridgehalte des Trinkwassers in den Studienorten bei 0,9–11 ppm (Durchschnitt der in den Studien angegebenen Maximalwerte: 4,3 ppm), wobei es zu Überlappungen mit den Fluoridkonzentrationen in den Kontrollgruppen kommt (0,2–2,3 ppm). Zum anderen beschreiben die Originalarbeiten nicht die Sozialschichtzugehörigkeit oder den Bildungsstand der Eltern in den untersuchten Kohorten. Außerdem wird in großen Teilen Chinas zur Beheizung und zum Kochen fluoridhaltige Kohle verfeuert, teilweise in den Wohnräumen (9). Dadurch ist eine zusätzliche Fluoridquelle vorhanden (13, 2). Ebenso enthalten einige Trinkwässer toxikologisch bedenkliche Mengen Blei und Arsen (9).

Bezüglich der Relevanz der verringerten kognitiven Leistungen von durchschnittlich 7 IQ-Punkten konstatieren die Autoren der Übersichtsarbeit, dass dies innerhalb des Messfehlers der IQ-Bestimmung liege. Es fällt aber auf, dass fast alle der eingeschlossenen Arbeiten einen geringeren IQ in den Gruppen mit höheren Fluoridgehalten im Trinkwasser gezeigt haben.

Dieser Kenntnisstand könnte zu weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen auffordern. Doch bereits hier setzt die pseudowissenschaftliche Vermarktung ein, die auf die im Zuge der Trinkwasserfluoridierung vielerorts durchgeführte Anhebung des Fluoridgehaltes im Trinkwasser abstellt. Es erscheint müßig, darauf hinzuweisen, dass die aufgeführten Fluoridkonzentrationen im Trinkwasser die zur Kariesprävention empfohlenen Dosierungen teilweise extrem überschreiten. Ebenso besteht kein Zusammenhang zur Trinkwasserfluoridierung oder anderen systemischen kariespräventiven Fluoridierungsmaßnahmen. Falls es reizen sollte, auf derartige Vorhaltungen in gleicher Münze zurückzahlen zu wollen: In einem Kommentar zur Übersichtsarbeit von Choi (1) wird angemerkt, dass die Kinder aus den Kontrollgruppen, in denen der Fluoridgehalt weitgehend den zur Kariesprävention empfohlenen Dosierungen der Trinkwasserfluoridierung entspricht, einen höheren IQ aufweisen (4).

Journalistische Effekthascherei

Zurück zur Stillen Post: Die Übersichtsarbeit von Choi wird in einer weiteren Arbeit aus der Feder eines der Co-Autoren dieser Übersichtsarbeit als einziger Beleg für neue Kenntnisse zu negativen Begleiterscheinungen hohen Fluoridgehaltes im Trinkwasser aufgeführt (5). In dieser Publikation kommt das Wort „Fluorid“ genau zweimal vor (8). In einem einführenden Satz erwähnen die Autoren, dass neurologisch assoziierte Verhaltensauffälligkeiten wie Autismus und ADHS zunehmend festgestellt würden. Einen Zusammenhang zur Anwendung von Fluorid zur Kariesprophylaxe stellen sie nicht her. Dennoch wird seit Erscheinen dieses Artikels ein derartiger Zusammenhang in einschlägigen Foren postuliert.

Und es geht weiter: Während die erwähnten Arbeiten einen – nicht gerechtfertigten – Bezug lediglich zur Trinkwasserfluoridierung herstellen, weitet die Yellow Press das Thema auf lokale Fluoridierungsmaßnahmen aus, vor allem auf die Verwendung fluoridhaltiger Zahnpasten (z. B. 7). Diese Veröffentlichungen richten sich nun an das breite Laienpublikum. Bedauerlicherweise haben auch zahnmedizinische Publikationsorgane diesen Bezug auf fluoridhaltige Zahnpasten aufgenommen (14). Das Fragezeichen am Ende des ZWP-Beitragstitels „Fluorid als Auslöser für ADHS und Autismus?“ macht die Lage nicht besser, zumal das als Eyecatcher eingestellte Foto einen mit viel Zahnpasta überzogenen Zahn zeigt. Der hier suggerierte Zusammenhang findet sich nicht einmal in den oben kritisierten Übersichtsarbeiten. Ein solcher Zusammenhang, der das Produkt journalistischer Effekthascherei zu sein scheint, ist fachlich völlig unbegründet, wird aber seine Wirkung in dafür empfänglichen Personenkreisen nicht verfehlen. Das ist, im Gegensatz zum Kinderspiel „Stille Post“, kein Lachen mehr wert.

Leitlinien befolgen

Patienten wie Zahnärzte sollten den in der Leitlinie „Fluoridierungsmaßnahmen zur Kariesprophylaxe“ formulierten zahnmedizinischen Empfehlungen folgen (3). Diese Empfehlungen stimmen mit den Aussagen weiterer internationaler Leitlinien überein. Ab Durchbruch des ersten Milchzahnes soll eine fluoridhaltige Kinderzahnpasta angewendet werden, die in den ersten zwei Lebensjahren auf einen dünnen Pastenfilm begrenzt wird. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen der kariesprophylaktischen Fluoridanwendung und kognitiven Einschränkungen oder Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern.

Über Jahrzehnte wurde in den USA in großem Umfang die Trinkwasserfluoridierung mit einem Anheben des Fluoridgehaltes auf 1 ppm durchgeführt. 2015 wurde eine neue Empfehlung mit einem Fluoridgehalt von 0,7 ppm veröffentlicht (10). Die neue Empfehlung basiert auf der Kenntnis des überwiegend lokalen Wirkungsmechanismus von Fluorid und der in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegenen Verfügbarkeit fluoridhaltiger Zahnpflegeprodukte. Mit der Reduktion der als optimal empfohlenen Fluoridkonzentration soll zudem das Vorkommen von Fluorosen eingedämmt werden. Es erfordert wenig Phantasie, sich die Kommentierung in den einschlägigen Kreisen vorzustellen, sobald die veränderten Empfehlungen dort registriert sind.

 

Literatur

  1. Choi AL, Sun G, Zhang Y, Grandjean P: Developmental fluoride neurotoxicity: a systematic review and meta-analysis. Environmental Health Perspectives 120: 1362-1368 (2012)
  2. DenBesten P, Li W: Chronic fluoride toxicitiy: Dental fluorosis: In: Buzalaf MAR (ed): Fluoride and the oral environment. Monogr Oral Sci 22, Karger, Basel 2011, pp 81-96
  3. Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK; Hrsg.): Leitlinie Fluoridierungsmaßnahmen zur Kariesprophylaxe (2013).  http://www.dgzmk.de/uploads/tx_szdgzmkdocuments/LLFluoridierungLangUpdate2013.pdf (Zugriff 26.9.2016).
  4. Gelinas J, Allukian M, Jr. (2014): Neurodevelopmental toxicity: Still more questions than answers. Lancet Neurol 13:647-648
  5. Grandjean P, Landrigan PJ: Neurobehavioural effects of developmental toxicity. Lancet Neurol 13:330–338 (2014)
  6. National Research Council (2006): Neurotoxicity and neurobehavioral effects. In: Fluoride in drinking water: A scientific review of EPA's standards. Washington, DC: The National Academies Press. doi: 10.17226/11571
  7. SAT1 Ratgeber: ADHS durch Fluorid in Zahnpasta? 2016. http://www.sat1.de/ratgeber/gesundheit/adhs-durch-fluorid-in-zahnpasta (Zugriff 1.10.2016)
  8. Schiffner U (2016): Stoffwechsel und Toxizität von Fluorid. Zahnärztl Mitt 106:2876-2880
  9. Spittle B (2016): Development of fluoride toxicity: Pathophysiology, interactions with other elements, and predisposing and protective factors. Fluoride 49:189-193
  10. U.S. Department of Health and Human Services Federal Panel on Community Water Fluoridation. U.S. Public Health Service Recommendation for Fluoride Concentration in Drinking Water for the Prevention of Dental Caries. Public Health Reports 130:318-331 (2015)
  11. Wikipedia (2016): Stille Post. https://de.wikipedia.org/wiki/Stille_Post (Zugriff 12.12.2016)
  12. Wu C, Gu X, Ge Y, Zhang J, Wang J (2006): Effects of high fluoride and arsenic on brain biochemical indexes and learning-memory in rats. Fluoride 39:274–279
  13. Zheng B, Wu D, Wang B, Liu X, Wang M, Wang A, Xiao G, Liu P, Finkelman RB: Fluorosis caused by indoor coal combustion in China: discovery and progress. Environ Geochem Health 29:103-108 (2007)
  14. ZWP-online: Fluorid als Auslöser für ADHS und Autismus? 14.6.2016. http://www.zwp-online.info/de/zwpnews/dental-news/branchenmeldungen/fluorid-als-ausloeser-fuer-adhs-und-autismus (Zugriff 1.10.2016)

Prof. Dr. Ulrich Schiffner, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf