Mundgesundheit beeinflusst die Lebensqualität


Mittwoch, 24.08.2016

Gesunde Zähne tragen nicht nur zur allgemeinen Gesundheit bei, sondern fördern auch das Wohlbefinden und Selbstvertrauen. Das Konzept der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität ermöglicht, orale Erkrankungen umfassender zu bewerten und bietet eine Entscheidungshilfe bei der Wahl der Therapie.

„Die Gesundheit ist zwar nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.” Dieser bekannte Ausspruch von Arthur Schopenhauer bringt die Beziehungen von Lebensqualität und Gesundheit recht treffend zum Ausdruck: Lebensqualität schließt mehr ein als nur Gesundheit. Die Gesundheit ist jedoch eine wesentliche Komponente und Bedingung von Lebensqualität und fehlende Gesundheit reduziert die Lebensqualität entscheidend (13).

Auch Munderkrankungen können erheblich das Wohlbefinden und damit die Lebensqualität beeinträchtigen. Die WHO schätzt, dass weltweit jährlich zirka 50 Millionen Schulstunden infolge von Zahnproblemen versäumt werden (4). Andere Erhebungen belegen, dass Zahnkaries zu Kauproblemen, Appetitverlust und Schlafstörungen führen kann (12).

In diesem Zusammenhang wurde der Begriff der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität (MLQ) eingeführt (7). Diese ist der Teil der gesundheitsbezogenen Lebensqualität, der sich auf das stomatognathe System bezieht (8). Sie beschreibt die Wahrnehmung der Mundgesundheit durch den Patienten, versucht also die subjektive Seite der Mundgesundheit zu charakterisieren.

 

Wie kann man MLQ bei Patienten messen?

Mundgesundheitsbezogene Lebensqualität lässt sich über Fragebögen erfassen. Für Erwachsene ist dies mit dem sogenannten Oral Health Impact Profile (OHIP) möglich, einem Fragebogen, der in Australien entwickelt wurde (15), aber auch in deutscher Sprache vorliegt (10). Der Fragebogen ist in vier verschiedenen Versionen erhältlich: mit 49, 21, 14 oder 5 Fragen (9, 10). Diese werden dem Patienten in folgendem Format gestellt: „Hatten Sie im vergangenen Monat aufgrund von Problemen mit Ihren Zähnen, im Mundbereich oder mit Ihrem Zahnersatz Schwierigkeiten beim Kauen von Nahrungsmitteln?“ Die Patienten können dann die Häufigkeit eingeschränkter Lebensqualität auf einer Skala mit folgenden Abstufungen angeben: „nie“ 0, „kaum“ 1, „ab und zu“ 2, „oft“ 3 und „sehr oft“ 4. Es werden also das Problem an sich und dessen Schwere evaluiert. Ähnliche Fragbögen gibt es mittlerweile auch für Kinder und Jugendliche (2).

Wie wirken sich orale Erkrankungen auf die MLQ aus?

In der Literatur finden sich Einschätzungen der MLQ bereits für unterschiedliche Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten. So spiegeln sich etwa kariesbedingter Zahnverlust und die damit notwendige prothetische Versorgung in einer deutlich schlechteren MLQ wider (16). Kinder und Jugendliche zeigen eine signifikante Zunahme oraler Probleme mit steigendem Kariesindex (3). Auch Patienten mit hypersensiblen Zahnhälsen weisen mit einem dreifach höheren Summenscore und einem sechsfach höheren Median im OHIP eine deutlich eingeschränktere mundgesundheitsbezogene Lebensqualität als die Allgemeinbevölkerung auf (1).

Weitere Studien konnten zeigen, dass zum Beispiel Parodontopathien (17), orofaziale Schmerzen (11), kieferorthopädische Anomalien (5), Lippen-Kiefer-Gaumenspalten (14) oder auch Fluorose (6) eine hohe psychosoziale Bedeutung für die betroffenen Patienten haben. Hier wird nicht nur der Einfluss auf funktionelle Aspekte wie Kauen und Sprechen deutlich. Die Befragten geben auch an, dass die Mundgesundheit das Aussehen, das Lächeln und Lachen sowie das Wohlbefinden und Selbstvertrauen beeinflusst. Mundgesundheit ist also ein wichtiger Faktor für die Allgemeingesundheit.

Anwendung in der zahnärztlichen Praxis

Naturgemäß bewerten Patienten orale Erkrankungen aus ihrer Sicht heraus. Es spielt für sie keine Rolle, wie sich dabei die Maßzahl eines zahnärztlichen Index verändert. Das Konzept der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität bietet die Möglichkeit, die Sicht vom Zahn bzw. Mund auf den Patienten selbst zu erweitern und damit zu einer umfassenderen Bewertung oraler Erkrankungen beizutragen. Die diffuse Eingangsfrage des (Zahn-)Arzt-Patient-Gespräches „Wie geht es Ihnen?“ lässt sich mit wenigen, aber standardisierten Fragen differenzieren und fokussieren. In der zahnärztlichen Praxis kann die MQL Informationen liefern, die zur Einschätzung der Prognose oraler Gesundheit hilfreich sind. Sie fungiert auch als Entscheidungshilfe bei der Auswahl von Therapiealternativen, Erfolgsbewertung und Monitoring zahnärztlicher Therapien und bietet Informationen zur erreichten Patientenzufriedenheit.

Univ.-Prof. Dr. Katrin Bekes, Medizinische Universität Wien

Literatur

  1. Bekes K, John MT, Schaller HG, Hirsch C. Oral health-related quality of life in patients seeking care for dentin hypersensitivity. J Oral Rehabil 2009; 36:45-51.
  2. Bekes K, John MT, Zyriax R, Schaller HG, Hirsch C. The German version of the Child Perceptions Questionnaire (CPQ-G11-14): translation process, reliability, and validity in the general population. Clin Oral Investig 2012; 16:165-171.
  3. Bekes K, Zyriax R, Schaller HG, Hirsch C. Hat Karies Einfluss auf die mundgesundheitsbezogene Lebensqualität bei Kindern und Jugendlichen? Oralprophylaxe & Kinderzahnheilkunde 2010; 32:176-181.
  4. Chen M, Harmon P, Andersen R. Oral quality of life, in: Chen M and Andersen RM BD, Leclercq MH, Lyttle CS: Comparing oral health care systems - A second collaborative study. 1997, World Health Organisation: Genf. p. pp. 187-196.
  5. de Oliveira CM, Sheiham A. Orthodontic treatment and its impact on oral health-related quality of life in Brazilian adolescents. J Orthod; 2004; 31:20-27.
  6. Do LG, Spencer A. Oral health-related quality of life of children by dental caries and fluorosis experience. J Public Health Dent 2007; 67:132-139.
  7. Inglehart M, Bagramian R. Oral health related quality of life: an introduction, in: Inglehart M and Bagramian R: Oral health-related quality of life. 2002, Quintessence: Chicago. p. pp. 13-28.
  8. John MT, Micheelis W. Mundgesundheitsbezogene Lebensqualität in der Bevölkerung: Grundlagen und Ergebnisse des Oral Health Impact Profile (OHIP) aus einer repräsentativen Stichprobe in Deutschland. IDZ-Information. Informationsdienst des Instituts der Deutschen Zahnärzte, Köln 2003; 1:1-28.
  9. John MT, Micheelis W, Biffar R. (Reference values in oral health-related quality of life for the abbreviated version of the Oral Health Impact Profile). Schweiz Monatsschr Zahnmed 2004; 114:784-791.
  10. John MT, Patrick DL, Slade GD. The German version of the Oral Health Impact Profile--translation and psychometric properties. Eur J Oral Sci 2002; 110:425-433.
  11. John MT, Reissmann DR, Schierz O, Wassell RW. Oral health-related quality of life in patients with temporomandibular disorders. J Orofac Pain 2007; 21:46-54.
  12. Locker D, Jokovic A, Tompson B. Health-related quality of life of children aged 11 to 14 years with orofacial conditions. Cleft Palate Craniofac J 2005; 42:260-266.
  13. Radoschewski M. Gesundheitsbezogene Lebensqualität – Konzepte und Maße. Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch - Gesundheitsschutz 2000; 43:165-189.
  14. Sinko K, Jagsch R, Prechtl V, Watzinger F, Hollmann K, Baumann A. Evaluation of esthetic, functional, and quality-of-life outcome in adult cleft lip and palate patients. Cleft Palate Craniofac J 2005; 42:355-361.
  15. Slade GD, Spencer AJ. Development and evaluation of the Oral Health Impact Profile. Community Dent Health 1994; 11:3-11.
  16. Szentpetery A, Szabo G, Marada G, Szanto I, John MT. The Hungarian version of the Oral Health Impact Profile. Eur J Oral Sci 2006; 114:197-203.
  17. Wellapuli N, Ekanayake L. Association between chronic periodontitis and oral health-related quality of life in Sri Lankan adults. Int Dent J 2016.