Wurzelkaries non-invasiv behandeln


Mittwoch, 29.06.2016

Heute können mehr Zähne bis ins hohe Alter erhalten werden. Wenngleich bei älteren Menschen generell auch weniger Karies zu beobachten ist, tritt Wurzelkaries häufiger auf. Ihre Entstehung und die Progression lassen sich mithilfe von hochfluoridhaltigen Zahnpasten sowie der regelmäßigen Applikation von zahnärztlichen Lacken vermindern. Des Weiteren scheinen regelmäßige Kontrolltermine beim Zahnarzt wichtig für die Prävention von Wurzelkaries zu sein.

Von 1997 bis 2006 stieg bei den 65- bis 74-Jährigen die Wurzelkariesprävalenz von 15,5 auf 45 Prozent. Der Grund: Menschen im höheren Alter haben mehr Zähne als früher im Mund, die in der Folge erkranken können. Darüber hinaus ist der kritische pH-Wert, ab dem eine Demineralisation stattfinden kann, für (Wurzel-)Dentin  höher als derjenige des Schmelzes. Ein Abfall des pH-Werts führt daher zu einem früheren und längeren Unterschreiten des kritischen pH-Werts im (Wurzel-)Dentin als im Schmelz, sodass Wurzelkaries eher beginnen und länger voranschreiten kann.

Besonders in approximalen Bereichen ist eine restaurative Therapie allerdings schwierig, da eventuell gesunde Zahnhartsubstanz extensiv entfernt werden muss, um sich Zugang zu verschaffen (Abb. 1). Besser ist, die Entstehung einer Wurzelkaries zu verhindern und bereits vorhandene Läsionen zu inaktivieren.  Wissenschaftler des Universitätsklinikums der RWTH Aachen haben sich mit der Frage beschäftigt, wie dies am besten umgesetzt werden kann. Dafür wurden die Ergebnisse von 34 klinischen Studien mit 10.136 Patienten ausgewertet, die insgesamt 28 verschiedene Wirkstoffe zur Inaktivierung oder Reduktion der Wurzelkaries untersucht haben.

Freiliegende Wurzeloberfläche und kavitierte Wurzelkaries
Abb. 1A: Freiliegende Wurzeloberfläche am Eckzahn 13, B kavitierte Wurzelkaries direkt unterhalb der Schmelz-Zement-Grenze

Die Ergebnisse (Abb. 2): Die tägliche Verwendung von hochfluoridhaltiger Zahnpasta (5.000 ppm F-) inaktivierte signifikant mehr Wurzelkariesläsionen (193 von 315 Läsionen) als eine normal fluoridhaltige Zahnpasta (1.100–1.450 ppm F-) (70 von 321 Läsionen). Das relative Risiko für eine invasive Therapie verringert sich demnach um 51 Prozent. Mundspüllösungen und Zahnpasta-Mundspüllösung-Kombinationen zeigten zwar auch eine Wirkung, aber teilweise nur geringe und auf niedrigem Evidenzlevel.

Abb. 2: Untersuchte Wirkstoffe zur Inaktivierung oder Reduktion der Wurzelkaries. MD bezeichnet bei Studien mit gleichem Ergebnisparameter die mittlere Differenz der Karies(neu)bildung der Test- zur Kontrollsubstanz. SMD bezeichnet bei Studien mit unterschiedlichen (aber vergleichbaren) Ergebnisparametern die standardisierte mittlere Differenz der Karies(neu)bildung der Test- zur Kontrollsubstanz. RR gibt das relative Risiko der Kariesinzidenz der Test im Vergleich zur jeweiligen Kontrollsubstanz an.

Die Applikation von 1–10%igem, chlorhexidinhaltigem (CHX) Lack reduzierte die Entstehung neuer Wurzelkariesläsionen wiederum signifikant (durchschnittlicher Anstieg im DMFRS: 0,9) im Vergleich zur Applikation von Placebo-Lack (durchschnittlicher Anstieg im DMFRS: 1,7). Auch nach Applikation von Silberdiaminfluorid(SDF)-Lack entstand deutlich seltener eine neue Wurzelkaries (durchschnittlicher Anstieg im DMFRS: 0,9) im Vergleich zur Verwendung eines Placebo-Lacks (durchschnittlicher Anstieg im DMFRS: 1,8). Allerdings wurde für beide Vergleiche das Evidenzlevel als (sehr) niedrig eingestuft. Zudem war das Verzerrungspotenzial für den Vergleich des SDF-Lacks hoch.

Quantitativ nicht ausgewertet werden konnten die in Deutschland viel verwendeten fluoridhaltigen Lacke (zum Beispiel Duraphat 22.500 ppm F-). Entweder wurden die Lacke allein als Kontrollgruppe verwendet oder die Ergebnisparameter der einzelnen Studien ließen sich nicht metaanalytisch vergleichen. Jedoch scheint eine dreimonatliche Applikation die Entstehung neuer Wurzelkariesläsionen besser zu verhindern und mehr Wurzelkariesläsionen zu inaktivieren als ein Placebo-Lack.

Die Meta-Analyse der Aachener Wissenschaftler beschreibt die Studienlage:  Zwar gibt es zur Primär- bzw. Sekundärprophylaxe der Wurzelkaries viele Wirkstoffe in verschiedenen Darreichungsformen, die aber selten in mehr als einer Studie untersucht wurden. Derzeit sei kein „Goldstandard“ zur non-invasiven Therapie von Wurzelkaries etabliert, schreiben Professor Dr. Hendrik Meyer-Lückel und Dr. Richard Wierichs. Vielmehr wiesen zahlreiche Studien darauf hin, dass regelmäßige Kontrolltermine ein essenzieller Faktor bei der Prävention von Wurzelkaries seien. Allein dadurch konnte in den untersuchten Studien die Mundhygiene und wahrscheinlich in Folge auch die Wurzelkariesinzidenz auch in den Placebo-Kontrollgruppen deutlich verbessert werden.

Studien zu Schmelzkaries und die untersuchten Studien zur Wurzelkaries legen jedoch nahe, dass Patienten mit hohem Kariesrisiko hochfluoridhaltige Zahnpasten verwenden sollten, um die Entstehung und die Progression sowohl von Schmelz- wie auch Wurzelläsionen zu vermeiden. Mit dieser Maßnahme lässt sich im Vergleich zu den untersuchten Darreichungsformen wahrscheinlich auch die beste Compliance erreichen. Ebenso erscheint es demnach sinnvoll, fluoridhaltige Mundspüllösungen zu empfehlen. Für CHX-Lacke konnte gezeigt werden, dass drei- bis viermonatliche Applikationen Schmelzkaries verhindern – dies unterstreicht den moderaten kariespräventiven Effekt für Wurzelkaries. Ein SDF-Lack ist hingegen in Deutschland noch nicht zugelassen, verfärbt aber auch meist die Zähne recht stark.

Quelle: Wierichs RJ, Meyer-Lueckel H: Systematic review on noninvasive treatment of root caries lesions. J Dent Res 2015 Feb;94(2):261-71