Consensus-Report zu erosiven Zahnhartsubstanzdefekten erschienen


Freitag, 02.10.2015

Im September 2015 hat die European Federation of Conservative Dentistry erstmals Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie erosiver Zahnhartsubstanzdefekte veröffentlicht. Das Fazit: Der Erfolg des Managements erosiver Läsionen steht und fällt mit dem Screening auf Frühsymptome sowie der Beachtung aller ätiologischen Faktoren.

In dem Consensus-Report ist erosiver Zahnhartsubstanzverlust als chemisch-mechanischer Prozess definiert, der durch Säuren nichtbakteriellen Ursprungs ausgelöst und durch mechanische Reize (Abrasion, Attrition) weiter verstärkt wird. Im klinischen Erscheinungsbild sind Erosionen initial durch einen Verlust der Oberflächenstruktur gekennzeichnet. Okklusal lokalisierte erosive Läsionen sind durch Vertiefungen und Eindellungen charakterisiert, können im fortgeschrittenen Stadium aber auch zu einem Abflachen und Aushöhlen der gesamten Okklusalfläche führen. Erosionen auf Glattflächen sind meist durch Abflachungen und Vertiefungen gekennzeichnet, die durch eine intakte Schmelzleiste am Gingivarand begrenzt werden. Differentialdiagnostisch müssen Erosionen von Attritionen (okklusal) beziehungsweise Abrasionen und keilförmigen Defekten (Glattflächen) abgegrenzt werden. Zur Klassifikation und zum klinischen Monitoring von erosiven Läsionen eignet sich der BEWE(Basic Erosive Wear Examination)-Index, aus dessen Einteilung sich auch Behandlungsempfehlungen ableiten lassen.

Verschiedene patientenbezogene und ernährungsbezogene Faktoren erhöhen das Risiko, dentale Erosionen zu entwickeln. Durch die Verdünnung und Neutralisation von Säuren ist der Speichel ein wichtiger biologischer Schutzfaktor, sodass Patienten mit vermindertem Speichelfluss – etwa nach Bestrahlung im Kopf- und Halsbereich – ein erhöhtes Risiko für Erosionen aufweisen. Ebenso sind Patienten, die sehr häufig erbrechen müssen oder an Reflux leiden, durch den regelmäßigen Kontakt der Zähne mit saurem Mageninhalt häufig von Erosionen betroffen. Außerdem beeinflussen die Erosivität eines sauren Nahrungsmittels (pH-Wert, Pufferkapazität und Mineralkonzentration) sowie die Konsumationsart und -häufigkeit das Risiko für das Auftreten von Erosionen.

Im Abhängigkeit vom Ausmaß und dem Schweregrad der erosiven Defekte kommen verschiedene präventive und restaurative Behandlungsmöglichkeiten in Betracht. Um eine ursachenbezogene Therapie einzuleiten, ist eine genaue Anamnese notwendig. Gegebenenfalls ist es auch sinnvoll, ein Ernährungstagebuch zu führen oder die Speichelfließrate zu bestimmen. Da intrinsisch ausgelöste Erosionen häufig mit Essstörungen oder Reflux assoziiert sind, sollte bei der Verdachtsdiagnose eine Überweisung an einen entsprechenden Facharzt erwogen werden. Bei ernährungsbedingten Erosionen steht im Vordergrund, die erosiven Nahrungsmittel seltener zu konsumieren und die Kontaktzeit mit den Zähnen möglichst kurz zu halten. Zur häuslichen Mundhygiene können Zahnpasten und Mundspüllösungen, die Zinnfluorid oder Zinnchlorid enthalten, empfohlen werden, weil diese erosionsprotektiv wirken.

Restaurative Maßnahmen reichen von der Versiegelung betroffener Zahnflächen, um Schmerzen und Überempfindlichkeiten zu reduzieren, bis hin zur umfassenden Restauration der betroffenen Zähne, um Form und Ästhetik wiederherzustellen. Zur Versorgung stehen verschiedene direkte (zum Beispiel Komposit) und indirekte (Komposit, Keramik, Metall) Restaurationen zur Verfügung, wobei die am wenigsten invasive Technik grundsätzlich zu bevorzugen ist. Patienten mit erhöhtem Erosionsrisiko sollten regelmäßig in Form von Recall-Sitzungen (nach-)kontrolliert werden.

Prof. Dr. Annette Wiegand, Universität Göttingen  

Quelle: Carvalho TS, Colon P, Ganss C, Huysmans MC, Lussi A, Schlueter N, Schmalz G, Shellis RP, Tveit AB, Wiegand A: Consensus report of the European Federation of Conservative Dentistry: erosive tooth wear-diagnosis and management. Clin Oral Investig. 2015 Sep;19(7):1557-61. doi: 10.1007/s00784-015-1511-7