Kariesinfiltration schließt therapeutische Lücke


Donnerstag, 19.03.2015

Die Prävalenz der Karies ist in den vergangenen Jahrzehnten stetig gesunken (1). Allerdings werden initiale sowie etablierte Karies im Approximalraum mangels radiologischer Diagnostik in epidemiologischen Studien nicht genügend gewürdigt. Erfasst man nämlich diese Kariesformen, so wird deutlich: Kariesläsionen kommen nicht seltener vor, sondern treten nur später auf und ihre Progression ist verzögert (1). Dank verbesserter Diagnostik lassen sich heute Zahnschmelzläsionen frühzeitig erkennen. Fehlten bisher jedoch entsprechende Therapieoptionen, schließt die Kariesinfiltration jetzt diese Lücke und verzögert somit vor allem bei Jugendlichen den Eintritt in Restaurationszyklen.

Die Karies der approximalen Flächen im Seitenzahngebiet etabliert sich häufig bereits im Wechselgebiss. Ergebnisse von Langzeitstudien belegen, dass in einer durchschnittlich kariesaktiven, jugendlichen Population von einhundert Approximalflächen im Seitenzahnbereich im Mittel etwa 3 bis 4 Flächen pro Jahr initiale Kariesläsionen entwickeln (2). Die Kariesprogression in das Dentin erfolgt innerhalb von 5 bis 6 Jahren (2). Bisher etablierte invasive Restaurationszyklen von der minimalinvasiven Füllung über die Versorgung der Karies an der Schmelz-Dentin-Grenze bis hin zur Wurzelbehandlung ermöglichen Funktionsperioden der Zähne von 4 bis 6 Dekaden. Im Verhältnis zur allgemeinen Lebenserwartung entsteht hier eine erhebliche zeitliche Lücke. Es ist also weiterhin notwendig, den Eintritt in Restaurationszyklen zu verzögern. Wenn Zähne im 4. Lebensjahrzehnt noch kariesfrei sind, bleiben sie aufgrund der Erfolgsraten der verfügbaren Restaurationsmaßnahmen sehr wahrscheinlich zeitlebens erhalten (3).

Initiale Kariesläsion trägt erhöhtes Progressionsrisiko

Grundlegende Ansatzpunkte für ein lebenslang begleitendes Kariesmanagement sind die Vermeidung der Entstehung von Initialläsionen sowie deren Arretierung. Klinisch imponieren initiale Kariesläsionen als „white“ und „brown spots“(4). Mikromorphologisch ist die Oberfläche initialer Läsionen porös, die Biofilmretention ist gesteigert. Zusätzlich bestehen Verbindungen bis in den Bereich der Schmelz-Dentin-Grenze. Dies fördert bei saurem Milieu eines aufliegenden Plaque-Biofilms weiteren Mineralverlust der Zahnhartsubstanzen. Eine vollständige „Heilung“, die Regeneration kariöser Defekte, ist zurzeit nicht möglich (5). Als Biofilmretentionszone unterliegt die initiale Kariesläsion somit selbst einem erhöhten Progressionsrisiko.

Im Umkehrschluss ist die therapeutische Wiederherstellung einer mikromorpholgisch glatten Oberfläche somit die Maßnahme der Wahl, um das flächenbezogene Kariesrisiko wieder zu reduzieren. Für die Umwandlung einer Biofilmretentionszone in eine Glattfläche stehen grundsätzlich zwei Optionen zur Verfügung: die Versiegelung, die eine kariesfreie Oberfläche dem Zutritt des Biofilms entzieht, und die Kariesinfiltration (6), die das Eindringen des Biofilms in eine Schmelzkariesläsion verhindert. Beide Therapieoptionen zielen darauf ab, den Kariesprozess an der Zahnoberfläche zu stoppen. Grundsätzlich ist die Versiegelung ebenfalls für die Behandlung initialer Karies geeignet. Im Gegensatz zur Infiltration erreicht sie jedoch nicht den im Schmelz entstandenen Läsionskörper (7) und eignet sich nicht für Glatt- und Approximalflächen.

Kariesinfiltration erreicht Läsionskörper

Seit Jahrzehnten lässt sich die Entstehung von Kariesläsionen mit Fluoridierung und Fissurenversiegelung verhindern. Erreicht die Karies das Dentin, ist zudem eine substanzschonende, defektadäquate Füllungstherapie möglich. Doch in den vergangenen Jahren verbesserten Laserfluoreszenz und digitale Radiologie die Diagnostik von Schmelzkariesläsionen – und Zahnmediziner stehen vor einer neuen Herausforderung. Fehlten bisher Therapieoptionen, die direkt den Defekt im Zahnschmelz erreichen, schließt Kariesinfiltration jetzt diese therapeutische Lücke (8). Sie bietet Zugriff auf den Läsionskörper und wandelt gleichzeitig eine Biofilmretentionszone in eine Glattfläche um (9). Während die bisher etablierte Vorgehensweise – hochfrequente intensive Fluoridierung des Defekts und regelmäßige radiologische Diagnostik – den mikroporösen Schmelzdefekt nicht verschließt, führt nun die infiltrierte Läsion wieder zurück zu einem „normalen“ individuellen Kariesrisiko (10). Insbesondere bei Jugendlichen lässt sich so ein Eintritt in Restaurationszyklen verzögern.

Prof. Dr. Stefan Rupf, Universität des Saarlandes

Literatur:

1. Micheelis W, Schiffner U. Vierte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS IV). Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ), Deutscher Zahnärzteverlag DÄV, Köln 2006


2. Mejare I, Kallestal C, Stenlung H. Incidence and progression of approximal caries from 11 to 22 years of age in Sweden: a prospective radiographic study. Caries Res 1999 33:93-100

3. Rupf S, Hannig C, Hannig M. Kariesprophylaxe – aktueller Stand und zukünftige Herausforderungen. DZZ 10/2014, 594-606

4. Topping GV, Pitts NB; International Caries Detection and Assessment System Committee. Clinical visual caries detection. Monogr Oral Sci. 2009 21:15-41

5. Hannig M, Hannig C. Nanomaterials in preventive dentistry. Nat Nanotechnol. 2010 5:565-569

6. Paris S, Meyer-Lueckel H, Cölfen H, Kielbassa AM. Resin infiltration of artificial enamel caries lesions with experimental light curing resins. Dent Mater J. 2007 26:582-588

7. Paris S, Lausch J, Selje T, Dörfer CE, Meyer-Lueckel H. Comparison of sealant and infiltrant penetration into pit and fissure caries lesions in vitro. J Dent. 2014 42:432-438

8. Meyer-Lueckel H, Bitter K, Paris S. Randomized controlled clinical trial on proximal caries infiltration: three-year follow-up. Caries Res. 2012 46:544-548

9. Paris S, Schwendicke F, Seddig S, Müller WD, Dörfer C, Meyer-Lueckel H. Micro-hardness and mineral loss of enamel lesions after infiltration with various resins: influence of infiltrant composition and application frequency in vitro. J Dent. 2013 41:543-548

10. Altarabulsi MB, Alkilzy M, Petrou MA, Splieth C. Clinical safety, quality and effect of resin infiltration for proximal caries. Eur J Paediatr Dent. 2014 15:39-44