Prävalenz von Erosionen bei Kindern und Jugendlichen steigt mit dem Alter


Dienstag, 13.01.2015

Karies bei Kindern und Jugendlichen ist heute allgemein auf dem Rückzug, dafür stehen nicht-kariöse Zahnerkrankungen zunehmend im Fokus der Wissenschaft. Ein Hauptaugenmerk richtet sich dabei auf die erosiven Zahnschäden, verursacht durch direkte Einwirkung von exogenen oder endogenen Säuren ohne bakterielle Beteiligung (Lussi und Ganss 2014). Die Angaben über die Prävalenz von Erosionen bei Kindern und Jugendlichen schwanken jedoch stark: Eine kürzlich erschienene Übersichtsdarstellung zeigt international Prävalenzen von 7 bis 100 % (Jaeggi und Lussi 2014). Das macht eine Übertragung auf die Situation in Deutschland, auch in Bezug auf mögliche Interventionsbedarfe, schwierig. Zudem ist unklar, ab welchem Umfang und welcher Ausprägung den Erosionen eine klinische Relevanz zukommt und inwieweit sie als physiologische Zahnveränderung im Sinne einer Funktion der Zeit aufzufassen sind (Bartlett et al. 2008).

In Deutschland fehlen neuere, umfangreiche Daten bezüglich der Prävalenz von Erosionen an bleibenden Zähnen bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 6 bis 15 Jahren. Daher wurden im Rahmen einer oralepidemiologischen Erhebung 1.580 Hamburger Schülerinnen und Schüler auf das Vorkommen und die Schwere von Erosionen untersucht (Waldmeyer und Schiffner 2011). Hierfür wurde der Erosionsindex nach Lussi (1996) verwendet, der eine Einteilung in drei Schweregrade (leicht – mittel – schwer) beinhaltet. Das Ergebnis: 17,8 % der untersuchten Kinder und Jugendlichen wiesen Zeichen dentaler Erosionen auf. Diese waren bilateral symmetrisch auf die Kieferhälften verteilt. Die Beteiligung des unteren Zahnbogens (60 % der betroffenen Zähne) war höher als die des Oberkiefers (40 %). Die höchste Prävalenz konnte bei 6-Jahr-Molaren des Unterkiefers ermittelt werden.

Die Erosionsprävalenz steigt mit dem Lebensalter signifikant: Während bei den 6-jährigen Kindern 5 % von Erosionen betroffen waren, ergab sich dieser Befund bei 25 % der 12-Jährigen. Bei fast 30 % der 15-Jährigen fand sich mindestens ein Zahn mit erosiven Veränderungen. Unter den 12-jährigen Kindern wiesen zirka 10 % der Kinder drei Viertel aller erosionsgeschädigter Zähne in ihrer Altersgruppe auf. Die Verteilung von Erosionen bei Hamburger Kindern und Jugendlichen unterliegt somit einer deutlichen Polarisation. In der gesamten Untersuchungskohorte war das mittlere Ausmaß der Erkrankung mit durchschnittlich 0,7 Zähnen pro Kind allerdings gering. Hingegen waren bei den von Erosionen betroffenen Kindern im Mittel fast 4 Zähne involviert.

Die Schwere der Erosionen ist allgemein niedrig. Die große Mehrzahl der erodierten Zahnflächen (84,2 %) zeigte lediglich leichte Erosionen. Schwere Erosionen kamen sehr selten vor (0,2 % der erodierten Zahnflächen). Zusätzlich zur oralen Untersuchung wurden Daten über Mundhygienemaßnahmen und Ernährungsgewohnheiten erhoben. Es ergaben sich aber keine Zusammenhänge zwischen Erosionen und den verhaltensbezogenen Parametern.

Trotz der geringen Schwere der Erosionen bei Schulkindern erfordert die Thematik erhöhte Aufmerksamkeit, denn die Prävalenz steigt mit zunehmendem Alter und bei einem progredienten Verlauf der Erkrankung können hieraus klinische Probleme hervorgehen. Durch Diagnosestellung in einem frühen Stadium der Erosionen lassen sich weitere Konsequenzen minimieren. Ein Screening, das sich auf eine Befundung der 6-Jahr-Molaren des Unterkiefers stützt, scheint als Grundlage für eine frühzeitige präventive Intervention geeignet zu sein.

Prof. Dr. Ulrich Schiffner, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Literatur:
Bartlett D, Ganss C, Lussi A. Basic Erosive Wear Examination (BEWE): a new scoring system for scientific and clinical needs. Clin Oral Investig 2008;12:65-68

Jaeggi  Th, Lussi A: Prevalence, incidence and distribution of erosion. In: Lussi A, Ganss C (eds): Erosive tooth wear. From Diagnosis to Therapy. Monographs in Oral Sci 25, Karger, Basel 2014, pp 55-73.

Lussi A. Dental erosion clinical diagnosis and case history taking. Eur J Oral Sci 1996;104:191-198

Lussi A, Ganss C: Erosive tooth wear. From Diagnosis to Therapy. Monographs in Oral Sci 25, Karger, Basel 2014

Waldmeyer M, Schiffner U. Erosive Zahnhartsubstanzdefekte bei Hamburger Schulkindern. Vortragsabstract zur Jahrestagung 2011 der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde in Halle (Saale) 2011