„Kariesinfiltration kann Lebensdauer des Zahns verlängern“


Donnerstag, 08.05.2014

Bei nicht-kavitierten kariösen Läsionen lassen sich die Poren mittels Infiltration nahezu vollständig verschließen und die Karies arretiert meistens. Das rettet dem Zahn einige Lebensjahre. Wie Kariesinfiltration am besten funktioniert und was sie noch kann – die Stiftung Innovative Zahnmedizin sprach mit Professor Sebastian Paris, Leiter der Abteilung für Zahnerhaltung und Präventivzahnmedizin an der Charité Berlin. Zusammen mit Professor Hendrik Meyer-Lückel von der RWTH Aachen hat er die Methode entwickelt.

Für welche Patienten eignet sich die Kariesinfiltration?
Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene mit Karies in den Approximalräumen profitieren davon. Dort lässt sich Karies in den frühen und mittleren Stadien, in denen die Karies röntgenologisch maximal bis zum ersten Dentindrittel vorangeschritten ist, arretieren.

Was wäre die Alternative?
Entweder versucht man, die Läsion zu arretieren: zum Beispiel durch Fluoridierung und bessere Approximalraumhygiene. Allerdings führt das aufgrund mangelnder Compliance der Patienten nicht immer zum Erfolg. Oder man macht eine Füllung und damit oftmals eine Übertherapie. Eigentlich ist eine Füllung erst indiziert, wenn die Karies kavitiert ist – in den beschriebenen frühen Kariesstadien kommt das jedoch eher selten vor.

Worin genau besteht nun aber der Vorteil der Kariesinfiltration?
Ganz einfach: Man vermeidet die Füllung und gewinnt dadurch Zeit für den Patienten. Im Idealfall lässt sich eine Restauration sogar ganz vermeiden. Wenn aber beispielsweise nach zehn Jahren doch eine Füllung notwendig wird, dann hat der Zahn zumindest diese Zeit dazugewonnen. Der Restaurationszyklus eines Zahnes führt ja oft von einer kleinen Restauration über größere Füllungen und Kronen zu einer Wurzelkanalbehandlung und nicht selten sogar zur Extraktion. Wenn man am Anfang dieses Restaurationszyklus‘ etwas Zeit für den Patienten gewinnt, kann häufig die spätere Überkronung oder gar Extraktion vermieden werden.

Und wenn das Verfahren nicht funktioniert?
Dann schreitet die Karies weiter voran. Allerdings kann man sie dann immer noch restaurativ behandeln. Man muss damit zwar eine weitere Behandlung und entsprechende Kosten in Kauf nehmen. Allerdings zeigen verschiedene klinische randomisierte Studien an Universitäten sowie eine praxisbasierte Studie, dass mit der Infiltration die Mehrzahl der Läsionen arretiert werden kann und das Verfahren im Vergleich zu den nicht-invasiven Alternativen, wie der Optimierung der Mundhygiene und der lokalen Fluoridierung, bessere Erfolgschancen hat.

Bislang gibt es keine Langzeitstudien, da das Verfahren erst seit 2008 im klinischen Einsatz ist.
Das ist richtig. Wir haben inzwischen recht erfolgversprechende Fünf-Jahres-Ergebnisse aus klinischen Studien. Es gibt derzeit keine Anzeichen dafür, dass die Erfolgsraten bei längerer Beobachtung deutlich sinken werden.

Wenn der infiltrierte Zahn später restaurativ oder kieferorthopädisch behandelt werden muss, hält die infiltrierte Stelle das aus?
Hier muss man differenzieren. Es gibt noch einen Nebeneffekt der Kariesinfiltration, der sich inzwischen großer Beliebtheit erfreut: die Maskierung von White Spots auf Glattflächen. Hierbei handelt es sich um eine eher ästhetische Indikation. Dabei soll vordergründig nicht die Karies aufgehalten werden – das bekommt man an glatten Flächen auch mit optimierter Mundhygiene recht gut hin. Vielmehr geht es darum, die unschönen weißen Flecken verschwinden zu lassen, die im Zuge kieferorthopädischer Behandlung entstehen können. Wenn die Patienten während der Behandlung um die Brackets herum nicht richtig putzen, bildet sich dort häufig initiale Karies. Diese kommt nach Abnahme der Brackets meist zum Stillstand, aber die weißlichen Veränderungen bleiben. Mit Infiltration kann man die Poren dort auffüllen und damit das optische Erscheinungsbild verbessern. Da der Infiltrationskunststoff den üblichen Dentaladhäsiven chemisch sehr ähnlich ist, kann er im Schmelz gut mit einer Füllungs- oder Bracket-Therapie kombiniert werden.

Wenn erneut eine Bebänderung notwendig ist: Wie stabil ist dann die infiltrierte Stelle?
Tendenziell zeigen die Studien, dass die Infiltration die Zahnhartsubstanz stabilisiert. Dadurch haften die Brackets sogar etwas besser.

Gibt es noch andere ästhetische Indikationen?
Es ist auch möglich, Fluorosen zu behandeln. Hierzu gibt es zwar bisher nur wenige Daten aus klinischen Studien. Die klinische Erfahrung und diverse Fallberichte zeigen aber, dass Fluorosen sehr gut mit Infiltration behandelt werden können.
Vorsichtig sein muss man dagegen bei der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH), die auf den ersten Blick der Fluorose oder Karies ähnlich sehen kann. Hier sind unsere Erfahrungen aus klinischen Behandlungen wie auch aus In-vitro-Studien nicht sehr vielversprechend. Das liegt an der Struktur dieser Läsionen: Sie sind anscheinend stark mit Proteinen gefüllt. Ich würde daher noch davon abraten, MIH mit Infiltration zu behandeln.

Bedarf es viel Übung, die Kariesinfiltration anzuwenden?
Eigentlich nicht. Es ist jedoch sinnvoll, entsprechende Fortbildungen und Hands-on-Kurse zu besuchen. Das gibt mehr Sicherheit bei den ersten Anwendungen. Zudem kann man so mögliche Fallstricke und Fehler besser vermeiden.

Welche wären?
Zum Beispiel bei der approximalen Anwendung auf den Kofferdam zu verzichten. Durch Kontamination mit Blut oder Speichel funktioniert das Verfahren möglicherweise nicht gut, weil die Poren, die eigentlich mit Kunststoff aufgefüllt werden sollen, dann schon mit anderen Flüssigkeiten gefüllt sind.
Oder bei der Behandlung von Glattflächen: Gerade bei älteren, bereits arretierten Läsionen ist es etwas schwerer, gute ästhetische Ergebnisse zu erreichen. Um die pseudointakte Oberfläche dieser Läsionen zu entfernen, muss man oft häufiger mit Salzsäuregel ätzen. Während bei einer aktiven Läsion einmal zwei Minuten reichen, sollte bei älteren Läsionen das Gel mehrfach aufgetragen oder eine Mikroabrasion durchgeführt werden. Hier gibt es kleine Tricks, die man sich bei Fortbildungen anhören kann – dann ist die erste Behandlung leichter und die eigene Lernkurve steiler.

Wann ist die Kariesinfiltration nicht angezeigt?
Eine generelle Kontraindikation wäre eine Allergie auf die Inhaltsstoffe. Das kommt aber sehr selten vor, etwa vergleichbar mit Allergien auf die Komposite, die wir ja regelmäßig verwenden. Man sollte den Kofferdam anwenden können, aber auch das ist bei den meisten Patienten möglich. Die Herausforderung ist eher, die Läsion hinsichtlich Diagnose, Kariesstadium und Aktivität richtig zu charakterisieren, um das Verfahren richtig anzuwenden.

Wie groß ist die Akzeptanz bei den Patienten?
Die Patienten freuen sich natürlich, dass nicht gebohrt werden muss und die Zahnhartsubstanz erhalten wird. Wenn man die Patienten gut aufklärt, dann ist die Akzeptanz sehr groß. Was die vestibuläre Anwendung bei den White Spots angeht: Die Patienten haben nach einer recht teuren und mitunter langen kieferorthopädischen Behandlung jetzt zwar gerade, aber eben fleckige Zähne. Da ist die Begeisterung oft groß, wenn sich die Ästhetik innerhalb einer Behandlungssitzung rehabilitieren lässt.

Interview: Daniela Schmidt, wissen und worte, Hamburg