Hier kommt an, was die Stiftung unterstützt


Montag, 18.07.2016

Bei den Special Olympics wird nicht nur um Medaillen gerungen, sondern auch um gesunde Zähne. Für Menschen mit geistiger Behinderung ist Mundhygiene oft kein Selbstgänger. Das Programm „Special Smiles“ verzeichnet aber Erfolge: Zahnfleischentzündungen sind bei den Athleten rückläufig. Wie bekommt man das hin? Nachgefragt bei zwei Experten.

Im Gesundheitszelt der Nationalen Sommerspiele 2016 (v. l.): Athlet Jochen Brezina, Judotrainer Hansjörg Bauer, „Special Smiles“-Leiter Dr. Christoph Hils, Athlet Kevin Brezina und „Healthy Athletes“-Leiterin Dr. Imke Kaschke (© SOD/Jo Henker)

Im Gesundheitszelt der Nationalen Sommerspiele 2016 (v. l.): Athlet Jochen Brezina, Judotrainer Hansjörg Bauer, „Special Smiles“-Leiter Dr. Christoph Hils, Athlet Kevin Brezina und „Healthy Athletes“-Leiterin Dr. Imke Kaschke (© SOD/Jo Henker)

 
Bei den Nationalen Sommerspielen 2016 im Juni in Hannover traten 4.800 Athleten an. Etwa 3.000 von ihnen haben außerdem bei „Special Smiles“ mitgemacht. Das heißt: zahnärztliche Untersuchung, praktische Übungen zur Zahnpflege und leicht verständliche Informationen. Ohne die vielen Helfer, Organisatoren und Koordinatoren, Förderer und Unterstützer, wie die Stiftung Innovative Zahnmedizin, wäre das nicht zu leisten. Die Stiftung hat mit Dr. Imke Kaschke, Leiterin von Healthy Athletes bei Special Olympics Deutschland, und Dr. Christoph Hils, Leiter von Special Smiles, über die Erfolge und Herausforderungen der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung gesprochen.

Wie wichtig sind gesunde Zähne für den Sport?

Kaschke: Gesunde Zähne sind immer wichtig und auch für den Sport, weil erkrankte Zähne weitere Symptome verursachen können. Zahnfleischentzündungen etwa können die Entstehung von Diabetes begünstigen. Und wenn ich Diabetes habe, bin ich in meiner sportlichen Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Oder mit Schmerzen im Mund kann ich auch nicht meine besten Leistungen zeigen.  

In Deutschland gibt es „Special Smiles“ seit zwölf Jahren. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Kaschke: Wir erreichen immer mehr Athleten. Nur können wir den Effekt des Programms noch nicht wissenschaftlich nachweisen. Das hat etwas mit dem Datenschutz zu tun. Wir arbeiten aber inzwischen mit codierten Athletendaten, sodass wir künftig Follow-ups von Einzelpersonen machen können. Bisher haben wir nur die Gesamtheit der Athleten betrachtet. 

Und was lesen Sie aus diesen Daten ab?

Kaschke: Wenn man die Daten der zahnmedizinischen Untersuchungen bei den Nationalen Sommerspielen  vergleicht, zeigt sich ein Trend: Seit 2010 nimmt der Anteil der Athleten mit Zahnfleischentzündungen ab – das ist ein Erfolg. Dieses Ergebnis wurde auch 2014 auf dem Weltkongress der International Association for Disability and Oral Health in Berlin  vorgestellt. Wobei das eben der Erfolg der Gesamtgruppe ist und wir nicht wissen, ob das auch für den individuellen Athleten gilt.

Es gibt seit diesem Jahr für die Athleten erstmals einen Gesundheitspass. Hilft dieser dabei, sich individuelle Verläufe anzuschauen?  

Kaschke: Ja, er dient auch dazu. Aber seit zwei Jahren verwenden wir bei den Nationalen Spielen Athletennummern, mit denen wir die Daten codieren. Der Name des Athleten wird also nicht mit den Daten erfasst, sondern nur bei der Vergabe der Codenummer. In diesem Jahr können wir erstmals schauen, ob Athleten während der Special Olympics 2014, 2015 und 2016 an Special Smiles teilgenommen haben und die Daten vergleichen.

Welche Schwierigkeiten hat Special Smiles, was ist die größte Herausforderung?

Hils: Wir müssen alle Spenden „zusammenbetteln“. Wir brauchen Unterstützer. Aber potenzielle Geldgeber werden ja von immer mehr Organisationen angefragt. Es wird immer schwieriger, Unterstützer zu finden.

Seit 2015 unterstützt die Stiftung Innovative Zahnmedizin das Programm. Hat das schon etwas gebracht oder ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Kaschke: Beides. Ohne die Unterstützung der Stiftung wäre es problematisch, zum Beispiel unsere Helfer hier unterzubringen und die Reisekosten zu übernehmen. Die Fläche für das Gesundheitszelt muss bezahlt werden, ebenso der T-Shirt-Druck. Wir müssen unsere Informationsmaterialien und die Zahnputzanleitung drucken lassen. Und wir haben durch unsere Unterstützer das Programm weit regionalisieren können. Es gibt jetzt in zehn Bundesländern regionale Koordinatoren für Special Smiles. Das finden wir in keinem der anderen fünf Gesundheitsbereiche von Healthy Athletes. Wir können mithilfe der Unterstützer regionale Events finanzieren, die T-Shirts dafür kaufen und die Spiegelansätze für die zahnärztlichen Untersuchungen. Auch Datenbearbeitung und -auswertung kosten Geld.

Sie suchen immer Zahnärzte, die das Programm mit bestreiten, auch hier in Hannover. Gelingt das?

Hils: Das gelingt sogar sehr gut, weil wir darauf achten, dass hier nicht nur die Athleten Spaß haben, sondern auch die Kollegen. Dass sie merken, dass so ein Event mit dieser besonderen Klientel eine besondere Atmosphäre schafft. Die Kollegen sollen gern kommen. Und das tun sie auch: Viele, die hier sind, haben Urlaub genommen, ihre Praxen geschlossen, teilweise auch ihre Mitarbeiter mitgebracht.

Bei Special Smiles lernen Menschen mit geistiger Behinderung etwa, wie man richtig Zähne putzt und worauf man bei der Mundhygiene noch achten sollte. Wie erfolgreich ist die Umsetzung dann im Alltag?

Kaschke: Entweder treffen wir die Athleten bei den Wettbewerben oder Menschen mit geistiger Behinderung in Werkstätten oder Wohneinrichtungen. Die regionalen Koordinatoren gehen mit ihren Teams in die Werkstätten und Wohneinrichtungen und machen genau das, was wir hier machen. Die Bewohner bekommen eine Zahnputzanleitung, werden angeleitet und untersucht. Dabei werden auch die Betreuer mit einbezogen. Nach einem Jahr kommen die Teams wieder. Wir versuchen so, Menschen mit geistiger Behinderung niedrigschwellig und nachhaltig zu informieren.

Wer lässt sich besser motivieren: die Menschen mit Behinderung oder die Betreuer?

Hils: Das hängt ganz wesentlich vom Grad der Behinderung ab. Die Athleten, die wie hier treffen, sind ja die Fittesten dieser Klientel. Sie sind sehr motiviert. Bei Menschen mit schweren Behinderungen, die ja auch in den Wohneinrichtungen leben, muss man umso stärker versuchen, die Betreuer mit ins Boot zu holen. Das ist schwierig, denn die Betreuer haben wenig Zeit. Man muss sie davon überzeugen, wie wichtig die Zahngesundheit für die Allgemeingesundheit ist. Es gibt deutliche Statistiken: Starke Zahnsteinablagerungen zum Beispiel erhöhen das Risiko, dass sich eine koronare Herzkrankheit entwickelt.

Kaschke: Deshalb kämpfen wir dafür, dass Zahnstein viermal im Jahr entfernt wird. Das passt gut in unsere Paragraf-22a-Forderung.

Das ist also eine politische Forderung.

Kaschke: Im vergangenen Jahr ist im Versorgungsstärkungsgesetz der § 22a – „Verhütung von Zahnerkrankungen bei Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen“ – angenommen worden. Momentan befindet sich das Gesetz zur Richtlinienentwicklung im Gemeinsamen Bundesausschuss, der die entsprechenden Durchführungsbestimmungen festlegt. Die wissenschaftlichen Fachorganisationen fordern unter anderem, dass bei Menschen mit Behinderungen und Pflegebedürftigen die Zahnsteinentfernung viermal jährlich erfolgen soll.

Wie gut sind denn die Behandlungsangebote für Menschen mit Behinderungen in den Zahnarztpraxen?

Kaschke: Es gibt inzwischen viele Praxen, die Menschen mit Behinderungen behandeln. Allerdings wird diese Leistung nach wie vor nicht zeitadäquat honoriert. Aber wenn das zahnärztliche Präventionsmanagement kommt, dann haben die Praxen die Möglichkeit, eine Art Individualprophylaxe für diese Menschen mit Behinderungen über die Gesetzliche Krankenversicherung anzubieten. Allerdings gilt das nur für Menschen, die Eingliederungshilfe beziehen oder eine Pflegestufe haben.

Wie viel mehr Zeit kostet die Behandlung von Menschen mit Behinderungen, zum Beispiel eine Zahnsteinentfernung?

Hils: Das ist sehr unterschiedlich, aber generell deutlich mehr Zeit. Es gibt Patienten, die nehmen auf dem Stuhl Platz, dann stehen sie wieder auf, gehen zurück zum Stuhl. Andere Patienten schließen einfach den Mund. Dann schafft man einen Quadranten in einer Sitzung und muss für den Rest einen neuen Termin machen.

Kaschke: Man kann aus meiner Sicht gerade bei Zahnsteinentfernungen auch fast nur mit Handinstrumenten arbeiten. Außerdem brauchen die Patienten Zuwendung. Man muss die Dinge ganz anders erklären, etwa in Leichter Sprache und das alles erfordert viel mehr Zeit.

 

Text: Daniela Schmidt