„Ohne Unterstützer könnten wir das nicht machen“


Freitag, 24.06.2016
Special Olympics 2016 in Hannover: Athlten und Betreuer studieren den neuen Gesundheitspass
Special Olympics 2016 in Hannover: Athlten und Betreuer studieren den neuen Gesundheitspass (Foto: SOD/Jo Henker)

Kariestunnel, Zahnputzbrunnen, Gesundheitspass – das lockt die Sportler an. Sogar die zahnärztliche Untersuchung ist für manchen Athleten ein Event. „Special Smiles“ will die Zahngesundheit von Menschen mit geistiger Behinderung verbessern. Die Stiftung Innovative Zahnmedizin unterstützt das Programm von Special Olympics Deutschland (SOD). Ein Besuch der Nationalen Spiele 2016 in Hannover.

Kevin Brezina ist ein schüchterner Junge mit rotem, lockigen Haar. Aber man sieht gleich, was noch in dem 17-Jährigen steckt: ein Kämpfer. Wer ihm auf der Judomatte begegnet, sollte sich warm anziehen. Vor zwei Jahren wurde Kevin Deutscher Meister bei den Nationalen Special Olympics in Düsseldorf, im vorigen Jahr holte er in Los Angeles die Bronzemedaille bei den Special Olympics World Games. Jetzt tritt der Judoka vom MTV Ingolstadt wieder bei den Nationalen Spielen in Hannover an.

In diesem Jahr sind 4.800 Athleten zu den Special Olympics gekommen, den Spielen für Menschen mit geistiger Behinderung. Neben Judo stehen noch 17 weitere Sportarten auf dem Programm. Und nicht nur das: Die meisten Athleten haben sich auch für das Gesundheitsprogramm angemeldet. Als ein Teil davon soll „Special Smiles – Gesund im Mund“ die Zahngesundheit von Menschen mit geistiger Behinderung verbessern. Seit 2015 unterstützt die Stiftung Innovative Zahnmedizin das Programm. „Ohne unsere Unterstützer könnten wir dieses Event hier gar nicht veranstalten“, sagt Dr. Imke Kaschke, Leiterin des Gesundheitsprogramms Healthy Athletes® bei SOD.

Und es ist ein Event, vor allem für die Athleten. Im und vor dem Gesundheitszelt herrscht großer Andrang. Im „Special Smiles“-Bereich durchlaufen die Athleten drei Stationen: Zuerst geht es in den Kariestunnel. Die Athleten färben ihre Zähne mit einer Färbelösung an und gehen dann in eine Art Dunkelkammer. Im Schwarzlicht leuchten vorhandene Zahnbelege gelb – das können die Athleten im Spiegel sehen. Die nächste Station ist der Zahnputzbrunnen. In der Gruppe und unter Anleitung rücken die Athleten dort den Zahnbelegen zu Leibe. Anschließend drehen sie noch eine Runde im Kariestunnel, um den Erfolg des Zähneputzens zu überprüfen. Zum Schluss geht es zum Zahnarzt an einem der fünf Untersuchungsplätze. Der Befund, eine Behandlungsempfehlung sowie Tipps zur Mundhygiene in Leichter Sprache werden im neuen Gesundheitspass des Athleten dokumentiert.

Im Kariestunnel leuchten die Zahnbelege
Im Kariestunnel leuchten die Zahnbelege (Foto: Daniela Schmidt)

Große Traube vorm Zelt

Mit Kevin Brezina ist der Zahnarzt zufrieden, mit seinem Onkel Jochen Brezina ebenso. Der 44-Jährige nimmt bereits zum achten Mal an den Special Olympics teil und hat auch schon einige Goldmedaillen im Judo nach Hause getragen. Jochen Brezina wohnt allein in einer Wohnung, sein Neffe mit drei anderen Jugendlichen in einer Jugendwohneinrichtung. Doch wie viel vom Gesundheitsprogramm wird dort ankommen? „Das bringt hier sehr viel“, sagt ihr Trainer und Headcoach Hansjörg Bauer. „Wie man richtig putzt und die Zahnbürste kreisen lässt – das nehmen die Athleten mit. Und mit den elektrischen Zahnbürsten werden sie es jetzt sicher noch gründlicher machen.“ Jochen Brezina nickt: „Das ist einfacher. Da brauchst du nicht mehr so viel machen.“ Wer das „Special Smiles“-Programm hier absolviert hat, bekommt eine elektrische Zahnbürste geschenkt, eine Spende des Herstellers.

Man kann nicht sagen, dass die Betreuer und Trainer ihre Schützlinge zum Zahnprogramm „hinzerren“ müssten. „Gestern morgen vor Beginn des Tagesprogramms hatte sich bereits eine große Traube von Athleten vorm Zelt versammelt“, berichtet Dr. Imke Kaschke. Es kommt eben auch darauf an, auf welchem Weg man die Athleten erreichen will. „Wir gehen interaktiv und spielerisch heran, das funktioniert sehr gut.“ Auch in Multiplikatorenschulungen, die Special Smiles durchführt: „Wir haben die Nachhaltigkeit dieser Schulungen untersucht. Nach vier Wochen wissen 90 Prozent der Teilnehmer immer noch, was Karies oder eine Parodontitis ist, was ein Schneidezahn macht und wozu die Backenzähne gut sind.“ Von solchen Ergebnissen kann selbst mancher Gymnasiallehrer wohl nur träumen. Dank der Unterstützung auch durch die Stiftung Innovative Zahnmedizin kann Special Smiles nun zunehmend in Wohneinrichtungen und Werkstätten angeboten werden, wo sich Menschen mit geistiger Behinderung in ihrer realen Lebensumwelt befinden. Dafür reisen viele Helfer – Studierende, Zahnärzte und Zahnmedizinische Fachangestellte – in die Regionen.

Berührungsängste auf beiden Seiten

Auch hier in Hannover haben sich viele Helfer versammelt. Kathi Goldstein, eine junge Zahnärztin aus Göttingen, untersucht die Athleten. Das dauert bei dem einen länger, bei dem anderen kürzer. „Je nachdem, wie viele Zähne der Patient hat und wie redelustig er ist – manche Athleten erzählen die ganze Lebensgeschichte jedes einzelnen Zahnes“, erzählt Goldstein lachend. „Aber wir hören uns das auch gern an.“ Was gibt es noch zu beachten bei der Behandlung von Menschen mit geistiger Behinderung? „Es sind keine Kinder, sondern Erwachsene, man darf sich nicht herablassen. Man muss eine einfache Sprache benutzen, aber keine Kindersprache. Man muss stärker auf die Reaktionen achten, geschickter Fragen stellen und immer in verschiedene Richtungen denken.“ Die Zahnärztin erläutert das an einem Beispiel: „Gestern hatte ein Athlet Angst vor den Handschuhen. Es stellte sich heraus, dass es gar nicht um die Handschuhe an sich ging, sondern nur um ihre Farbe. Mit andersfarbigen Handschuhen war dann alles in Ordnung.“

Zahnärztin Kathi Goldstein untersucht die Athleten
Zahnärztin Kathi Goldstein untersucht die Athleten (Foto: Daniela Schmidt)

Für Ärzte, Zahnärzte und andere medizinische Fachkräfte sind die Special Olympics eine Gelegenheit mit Menschen mit Behinderungen in Kontakt zu kommen. „Es gibt schon manchmal Berührungsängste – auf beiden Seiten“, sagt Imke Kaschke. Im Studium werden die Wenigsten auf die Behandlung von Menschen mit geistiger Behinderung vorbereitet. Aber es tut sich etwas: Die Universität Witten-Herdecke hat 2015 den ersten Lehrstuhl für Behindertenorientierte Zahnmedizin eingerichtet, Professor Andreas Schulte ist der Lehrstuhlinhaber. „Es gibt nun eine eigenständige Lehre und Forschung in dem Fachgebiet und ein Pflichtpraktikum für die Studierenden“, berichtet Dr. Michael Egermann, Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Schulte. Das sei für Patienten wie Behandler eine wichtige Entwicklung: „Viele Zahnärzte behandeln keine Menschen mit Behinderung – was man nicht kennt und nicht weiß, traut man sich nicht zu. Die Patienten wiederum und besonders Menschen mit geistiger Behinderung spüren die Unsicherheit des Behandlers und lehnen eine Behandlung ab.“

Kevin und Jochen Brezina haben offenbar einen guten Zahnarzt in ihrem Heimatort gefunden. Sie gehen regelmäßig zur Untersuchung, wenngleich Kevin sich nicht gerade darauf freut. Aber Jetzt stehen erstmal die Wettkämpfe im Vordergrund: Kevin will wieder Deutscher Meister werden. Jochen wird in einer Kata-Vorführung seinen Trainer Hansjörg Bauer sechsmal auf die Matte werfen. Auch wenn Bauer selbst nicht wie seine „Truppe“ um Titel kämpft, sind die Special Olympics für ihn eine Herausforderung: „Wir sind zwei Betreuer mit sieben Athleten. Man muss aufpassen, dass jeder seine Sachen macht. Das heißt: fünf Tage im Dauereinsatz.“ Und das sagt ein Polizist – der in seiner Freizeit mit Leidenschaft Menschen mit geistiger Behinderung im Judo trainiert.

Text: Daniela Schmidt, wissen und worte